Hohes Risiko
14.01.2009 | 10:36 Uhr 2009-01-14T10:36:00+0100
Beim Kohleabbau wird Methan frei, das explodieren kann. Auguste Victoria ist allerdings eine grubengasarme Zeche. Dennoch, Gefahren lauern überall auf dem Pütt
„75 Bergleute verschüttet" – das sind Schlagzeilen, die heute noch regelmäßig in der Zeitung stehen. In China, in Russland, der Ukraine geschehen schwere Grubenunglücke immer und immer wieder. Dafür, dass in Marl keine Kumpel zu Schaden kommen, arbeitet die Abteilung Belegschaftsschutz von Auguste Victoria. 120 Mitarbeiter zählt die Stelle. Viele davon erfüllen bürokratische Vorgaben. Der Zweck aber auch dabei vor allem dieser: Dass das Bergwerk so sicher wie möglich ist.
„Der Bergbau war sehr lange ein besonders unfallträchtiger Industriezweig", erklärt Detlef Streppel, der stellvertretende Bereichsleiter der Abteilung. Heute kommen auf eine Million geleisteter Arbeitstunden zehn Unfälle, und damit rangiert die Branche bei Vergleichen unter den Berufsgenossenschaften auf einem guten hinteren Platz: „Auf dem Bau und in der Forstwirtschaft ist es heute wesentlich gefährlicher."
Dabei ist das hohe Risiko immer noch da: Beim Kohleabbau wird „Grubengas", Methan frei, das explodieren kann. „Schlagwetter" nennt man das auf Bergbaudeutsch, und damit es nicht dazu kommt, müssen die Wetter, die Luftströme unter Tage, so durch die Strecken geleitet werden, dass das Methan gar nicht erst die explosiblen Konzentrationen zwischen 4,4 und 16 Volumenprozent erreicht. „Die Werte werden dauernd überwacht", so Streppel. Maximal ein Prozent wird in der Luft toleriert – ist der Schwellenwert erreicht, werden sämtliche elektrischen Betriebsteile abgeschaltet.
„Gott sei dank", sagt Streppel, „ist AV eine CH4-arme Zeche". Doch der „Ex-Schutz", die Sicherheitsvorkehrungen, um keinen Zündfunken unter Tage zuzulassen, sind deshalb nicht minder wichtig: Alle Maschinenteile, die eine Initialenergie abgeben können, sind unter Tage gekapselt. Wegen der Explosionsgefahr darf man dort auch nicht mit einer normalen Kamera fotografieren oder gar rauchen – letzteres hätte auf Auguste Victoria die Kündigung zur Folge.
Auch wenn nur eine kleine Menge Methan verpufft – die Flamme entzündet das Kohle-Luft-Gemisch in den Strecken und Schächten, so dass eine zerstörerische Kettenreaktion in Gang kommt. Dagegen hält die Bergbautechnik ein sehr simples, aber effektives Verfahren vor: In regelmäßigen Abständen sind in den Gängen Wasserträger, so genannte „Wassertropfsperren" eingebaut. Die zerbersten, sobald die Druckwelle sie erreicht – in dem Wassernebel soll die nachfolgende Flamme ersticken. In den Abbaustrecken hängen alle 20 bis 30 Meter solche Behälter, in den anderen alle 200 Meter.
So wichtig er ist: Der Ex-Schutz ist nur ein Teil der Sicherheitsmaßnahmen unter Tage. Früher kam es vor, dass Bergmänner auf den Bandstraßen fuhren und den richtigen Abstieg vom Band verpassten: „Wenn man etwa müde ist nach der Schicht, es ist warm und man schläft ein." Schlimmstenfalls landete der Arbeiter dann im Kohlebunker oder in anderen gefährlichen Gefilden und wurde verschüttet. Heute stoppt der so genannte Personenkennbaustein das Förderband, sobald der Abstieg vorüberzieht. Doch es gibt noch eine zweite wichtige Aufgabe des kleinen schwarzen Kastens, den alle Kumpel mit sich tragen: Im Notfall funktioniert er wie ein Lawinensender und der Verschüttete kann geortet werden.
Aber nicht nur im tief verborgenen Teil der Zeche kann es zu schlimmen Unfällen kommen, sondern auch über Tage, wegen des dichten Lkw-Verkehrs etwa. Deswegen sind Fuß- und Fahrwege überall eindeutig getrennt, deswegen sind Helm und orangefarbene Weste auch für jeden Besucher ein Muss. Die Mitarbeiter tragen Sicherheitsschuhe, und der Belegschaftsschutz prüft, ob die Bestimmungen eingehalten werden.
„Es ist grundsätzlich so", sagt Streppel, „wenn man Regeln aufstellt, muss man auch kontrollieren, ob sie eingehalten werden." Dass es in China und anderen Ländern immer wieder Tote im Bergbau gibt, führt er darauf zurück, dass „der Arbeitsschutz dort anscheinend nicht so einen Stellenwert hat. Hier und heutzutage sind die hohen Investitionen in den Arbeitsschutz unstrittig."
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