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Protest

Schlimme Arbeitsbedingungen?

24.07.2012 | 18:28 Uhr
Schlimme Arbeitsbedingungen?
Die Initiative verteilt Handzettel in den Häuser Max-Reger-Strasse 8-10. in marl. Hier wohnen polnische und rumänische Produktionsarbeiter/innen unter unwürdigen Bedingungen. Das Flugblatt soll über die Rechte aufklären.Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ FotoPool

Oer-Erkenschwick/Marl. Bei 4 Grad ohne Schutzkleidung Grillfleisch und Wurst zu verpacken, 14 Stunden am Tag zu arbeiten und keine Lohnabrechnung: die Vorwürfe der Initiative „Solidarisches Recklinghausen“ sind nicht ohne – und gehen an die Adresse der Firma Gustoland in Oer-Erkenschwick, die zur Genossenschaft Westfleisch eG gehört. Dort sollen polnische und rumänische Arbeiter solcherart ausgebeutet werden, als Subunternehmer.

„Aussagen zu Entlohnung und Arbeitsbedingungen von Werkvertragsbeschäftigten haben sich nach ersten Ergebnissen interner Revision als nicht zutreffend herausgestellt“, entgegnet ein Unternehmenssprecher aus Münster auf WAZ-Anfrage. Ohne Arbeitsschutz hineinzukommen, sei schon rein technisch gar nicht möglich, „mit den ganzen Überwachungskameras und Arbeitsschutz-Vorschriften“. Westfleisch sei sogar der einzige Fleischvermarkter, der Arbeitsbedingungen und Nachhaltigkeit zertifizieren lasse. „Gerade zum dritten Mal, das können Sie alles online nachlesen. Unsere Leitbildaussagen sind keine leeren Worthülsen, sondern zertifiziert.“

Detlev Beyer-Peters, Vorsitzender von „Solidarisches Recklinghausen“ und Gewerkschaftsvertreter, hat andere Informationen. Er sprach nach eigenen Angaben mit drei Arbeiterinnen aus Polen, die in Marl in einem der Hochhäuser an der Max-Reger Straße untergebracht sind. „Ihr Lohn soll 7,25 Euro pro Stunde betragen haben. Davon sollen ihnen rund 3 Euro Miete für die Wohnung, in der sie zu dritt wohnen, sowie die Reisekosten nach Deutschland und für den Weg zur Arbeit abgezogen worden sein.“ Das Restgeld, magere 692,75 Euro, hätten die Frauen dann bar in die Hand bekommen, „eine Lohnabrechnung nie gesehen“. Fahrgeld zu zahlen, sei sonst völlig unüblich, so Beyer-Peters.

Nun ist es nicht das erste Mal, dass Westfleisch wegen Beschäftigungsverhältnissen von Leiharbeitern in den Schlagzeilen steht. Die Rede war von teilweise weniger als 3 bis 6 Euro Stundenlohn. „Wir stehen nicht das erste Mal in der Kritik. Es gab Verfehlungen, dazu stehen wir“, sagt der Unternehmenssprecher. Seit 2007 mit der Selbstverpflichtung aber „sind wir nun absolut sauber“.

Stellungnahme

    2007 hatte die Westfleisch eG ihre Subunternehmer verpflichtet, die Tarifvereinbarungen mit der NGG einzuhalten, einen Mindestlohn von 7,50 Euro zu zahlen. „Das gilt auch für nicht-unternehmenseigene Mitarbeiter und wird regelmäßig extern und objektiv überprüft“, heißt es in einer Stellungnahme. Verstöße würden geahndet, könnten auch zur Auflösung des Vertrags mit dem Subunternehmen führen. „Diese Vereinbarung ist in der fleischverarbeitenden Industrie bislang einzigartig.“

Beyer-Peters bedauert, dass die Betroffenen „enorme Angst haben, so dass es fast unmöglich ist, an belastbare Aussagen zu kommen“. Er hat daher mit einer Handvoll Mitstreiter an den drei Hochhäusern an der Marler Max-Reger-Straße, wo Arbeiter aus Oer-Erkenschwick untergebracht wurden, Infoblätter über Arbeitsrechte auf Polnisch verteilt. „Teils stehen zehn Namen auf einem Klingelschild.“

Der Neuen Marler Baugesellschaft (Neuma) wirft er vor, dass die Osteuropäer über Wohnungsvermittler zu dritt rund 900 Euro für Wohnungen zahlten, die auf dem Wohnungsmarkt kaum noch zu vermieten seien. Die Neuma verfolge in diesen Hochhäusern „eine Abwohnstrategie, sie sind zum Abriss vorgesehen“. Beyer-Peters’ Initiative stellt daher Neuma und allen Fraktionen der Stadt die Frage, ob die Wohnbedingungen dieser Menschen bekannt seien und wie das mit der sozialen Einstellung eines städtischen Unternehmens zu vereinbaren sei.

Eigene Hausmeister

    Der Neuma-Aufsichtsratsvorsitzende Peter Wenzel ist erschrocken. „Die Unterkünfte sind sauber und ordentlich, unserem Hausmeister wurde nichts gemeldet“, so Geschäftsführer Christoph Thier. Beide versprechen, dass eigene Hausmeister verstärkt nach dem Rechten sehen. „Wenn uns menschenunwürdige Verhältnisse auffallen, wird etwas passieren.“

Von Oliver Mengedoht

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