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Ruhrfestspiele widmen sich Missbrauchs-Skandal

20.05.2010 | 13:51 Uhr
Ruhrfestspiele widmen sich Missbrauchs-Skandal

Recklinghausen.Das Ruhrfestspielpublikum kennt ihn als zotteligen „Faust“ und als Rilke-Rezitator. Fast alle lieben Edgar Selge als einarmigen Kommissar Tauber aus der Reihe „Polizeiruf 110“. Jetzt lernen ihn die Theaterbesucher von einer anderen Seite kennen – der nackten.

Als Dorfrichter Adam nämlich zieht der 62-Jährige das Adamskostüm an und überraschte damit das Premierenpublikum, als er zu Beginn der Kleist-Komödie „Der zerbrochene Krug“ splitterfasernackt die Bistrotheke im Foyer enterte. Im Gespräch mit der WAZ betonte Selge, keinerlei Probleme mit der gut zehnminütigen Nacktrolle zu haben: „Im Gegenteil, das war mein Wunsch, so aufzutreten. Wie ein Alptraum steht der Adam da, und die Gesellschaft fragt ihn: Was hast Du gemacht? Leg alles bloß!“

Was er dann ja auch macht. Der schmale Edgar Selge ist eine eher ungewöhnliche Besetzung für den Dorfrichter, dick und grobschlächtig kommt er sonst eher auf die Bühnen. Für Selge dennoch nie eine Frage, diese Rolle nicht zu übernehmen: „Ein wichtiges Stück gerade in diesen Tagen, in denen der Missbrauchsskandal voll in die Gesellschaft reinhaut.“

Selges Ehefrau Franziska Walser spielt die Marthe Rull

Die Inszenierung von Jan Bosse ist eine Adaption der Züricher Produktion aus dem Jahre 2006. So mancher Schweizer reagierte damals durchaus pikiert auf die nackten Tatsachen. Selge erinnert sich schmunzelnd: „Es gab Briefe an die Theaterdirektion, die forderten: Selge soll die Hosen wieder anziehen, und zwar sofort!“

Dem Revier-Publikum traut der prominente Mime da durchaus mehr Verständnis zu: „Man spürt, dass die Menschen hier verstehen, dass der nackte Dorfrichter, der einen Missbrauch begangen hat, durchaus Sinn macht.“

Selges Ehefrau Franziska Walser, Tochter von Autor Martin Walser („Ja, meinem Vater geht es gut“), spielt in Recklinghausen die Marthe Rull: „Die Rolle hat mich sehr gereizt, es ist ja auch eine spannende Mutter-Tochter-Beziehung.“ Neben Kleist arbeitet Franziska Walser gerade an einem Fernsehfilm über eine moderne Hexe. Edgar Selge will gar nichts verraten über aktuelle Filmprojekte, weil die gerade kurz vorm Abschluss stehen. Dass beide wieder zu den Ruhrfestspielen kommen, schließen sie allerdings ausdrücklich nicht aus.

Elisabeth Höving

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