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Ruhrfestspiele

Gefangen im eigenen Ich

15.05.2008 | 12:05 Uhr

Recklinghausen. Die Theaterbesucher suchen noch nach ihren Plätzen im kleinen Theater, da quatscht sie schon jemand von der Bühne aus an.

„Das ist eine traurige, aber wahre Geschichte”, mahnt ein Schauspieler bedächtig. Er sollte Recht behalten. Denn was dem Publikum anschließend bei der Ruhrfestspiel-Premiere von „Anton Reiser” präsentiert wurde, war die äußerst tragische Passionsgeschichte eines Mannes auf der Suche nach sich selbst.

Für die intensive, überzeugende und schauspielerisch hervorragend interpretierte Szenencollage des Staatstheaters Stuttgart gab es einhelligen Beifall. Unter der Regie von Anja Gronau brachten Thomas Eisen, Sebastian Schwab und Peter Sikorski die Adaption des Romans von Karl Philipp Moritz auf die Bühne. Der Zeitgenosse Goethes hatte sich mit dem vierbändigen Wälzer seine eigene Lebensgeschichte von der Seele geschrieben.

Das Bühnenensemble inszenierte die Biografie in einem bleichen, nackten Sezierraum. Ein pathologischer Befund jagte den nächsten. „Ich bin immer falsch”, konstatiert Reiser gleich zu Beginn. Aufgewachsen in einem kleinbürgerlichen Elternhaus eröffnet sich die Welt für Anton Reiser erst durch die Literatur. Um sich selbst zu entfliehen, schlüpft er in Theaterrollen.

Dass im Stuttgarter Gastspiel gleich drei Schauspieler in die Rolle von Anton Reiser schlüpften, dokumentierte sinnfällig die Zerrisenheit dieser Figur zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Die Akteure erzählen sich gegenseitig Stationen aus dem Leben von Anton Reiser, mal aus der Ich-Perspektive, mal aus der seiner Zeitgenossen. Fallen sich gegenseitig ins Wort, umtänzeln einander wie Boxer, rappen ihre Sätze im Jargon der Straße herunter. Ein Spiel, das zwischen tiefer Tragödie und unterhaltsamer Komödie changiert.

Wenn am Ende aus dem Anton der Sehnsucht ein Professor mit sicherem Gehalt geworden ist, dann ist das Spiel aus. Anton verbrennt seine Reclamheftchen. Ein lohnender, intensiverTheaterabend.

Elisabeth Höving-Henkel

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