Eva Mattes besingt den Himmel über Berlin
26.05.2010 | 15:08 Uhr 2010-05-26T15:08:00+0200
Recklinghausen.Vor uns Eva Mattes - „Und über uns der Himmel“. Mal wolkenverhangen, mal im Sonnenschein. Die Schauspielerin besang in der Kunsthalle anlässlich der Ruhrfestspiele den Himmel über Berlin. Leidenschaftlich, melancholisch, ironisch, wunderbar.
Erstmals bietet der Kunstbunker am Bahnhof den Ruhrfestspielen eine theatralische Bühne. Mit dem szenischen Liederabend, der am Dienstag vor rund 200 Zuschauern (und damit ausverkauftem Haus) Premiere feierte, wurde gleichzeitig das Fringe-Festival eröffnet.
Ein Ausnahme-Talent
Eva Mattes, die 55-jährige Ausnahmeschauspielerin, war schon oft zu Gast bei den Ruhrfestspielen, im letzten Jahr noch brillierte sie in der Komödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ im Marler Theater.
Das Fernsehpublikum kennt sie als Tatort-Kommissarin Klara Blum vom Bodensee. Oder gar noch als Synchronstimme von Timmy aus der Serie „Lassie“. Theaterfreunde lieben sie aus ihren Produktionen mit Peter Zadek, Michael Verhoeven oder Rainer Werner Fassbinder.
Vorstellungen mit Eva Mattes sind begehrt und beliebt. Kein Wunder also, dass es für die Abende in der Kunsthalle Recklinghausen, Große-Perdekampstraße, heißt: ausverkauft.
Mit viel Glück aber gibt es noch zurückgegebene Karten an der Abendkasse. „Und über uns der Himmel“ heißt es noch zu folgenden Terminen: 27., 28., 29. und 30. Mai, jeweils um 20 Uhr.
Nun singt sie auch noch? Ja, und wie! Und auch schon seit Jahren. Aber nicht nur. Sie rezitiert auch Gedichte, spricht Texte, liest aus Briefen. Mit mal klarer, hoher Stimme, mal dunklem, ruppigen Timbre nahm Eva Mattes ihr Publikum mit auf einen literarisch-musikalischen Streifzug durch die Geschichte und Geschicke Berlins. Durch die Goldenen Zwanziger, durch die Kriegswirren hinein in eine vermeintlich blühende Zukunft.
Eine Stimme für Migranten
Auf der Bühne präsentiert Eva Mattes ein faszinierendes Kaleidoskop unterschiedlicher menschlicher Stimmungslagen im Angesicht von Krieg, Vertreibung, Hunger, Heimatlosigkeit. Emigranten und Zuwanderern verleiht sie ihre Stimme, und denen, die aus dem Exil zurück kamen.
Im hellen Lichtkegel besingt sie Heinrich Heines „Loreley“, tänzelt verschmitzt zu Friedrich Hollaenders „Alles mit den Beinen, lachen und weinen“, singt den Marlene-Dietrich-Song „Awake in a Dream“, zieht sich die Kappe auf und besingt am Barhocker lasziv Michael Freytags „Und über uns der Himmel“.
Mattes singt mal frech und spöttisch, mal melancholisch dunkel, dann wieder mondän oder witzig. In allen Rollen aber dokumentiert sie eine ungeheure, bestechende Präsenz.
Im Wechsel mit den Chansons trägt sie Texte der von den Nazis verfolgten jüdischen Dichterin Mascha Kalenko vor, oder von Walter Mehring, dessen Bücher ebenfalls auf den Scheiterhaufen des Dritten Reiches gelandet waren.
Kongenial begleitet wird Eva Mattes vom Musiker Dariusz Swinoga, zunächst am Akkordeon, später am Klavier. Seine hohe Kunst demonstriert er in intensiven Solo-Stücken. Viel Beifall für faszinierende anderthalb Stunden.
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