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Ruhrfestspiele

Der nackte Adam und die Sünde

20.05.2010 | 13:58 Uhr
Der nackte Adam und die Sünde

Recklinghausen.Plötzlich steht Edgar Selge nackt vor einem, mitten im Foyer. Hier nimmt Bosses Inszenierung von Kleists „Der zerbrochene Krug“ seinen Anfang: Der Schreiber Licht holt den ramponierten Dorfrichter zum Gerichtstag aus dem Bett. Wie es scheint, ist er Nacktschläfer.

Der turbulente Anfang nimmt später auf der Bühne seinen Fortgang, wo Theaterarbeiter gerade die Reste einer Party vom Vorabend entsorgen. Leider übersehen sie Erbrochenes auf dem Boden, was hernach noch für manchen Lacher sorgen wird. Man merkt schon: Kleists Stück wird hier als Lustspiel ernst genommen, die Grenze zum Schwank dabei gelegentlich vorsätzlich überschritten.

Selge ist hier nicht nur der Richter, der sich im anstehenden Verfahren praktisch selbst der sexuellen Belästigung überführen muss, er ist tatsächlich der Motor dieser zuerst in Zürich, später auch in Berlin erprobten Einrichtung. Als im Suff straffällig gewordener Adam kämpft er unter Aufsicht des angereisten Gerichtsrats Walter (Jean-Pierre Cornu) an allen Fronten, versucht hier zu verschleiern, dort den volksnahen Juristen zu geben – und scheint dabei nie den Humor zu verlieren. Er gibt einen liebenswerten Filou, dem man alles zutraut, der noch aus jeder heiklen Lage herausfinden wird. Die Tragik, die dieser Figur auch innewohnt – und die Sven-Eric Bechtolf letztes Jahr bei der RuhrTriennale so eindringlich spüren ließ – sie gerät hier absichtlich unter die Räder der Lustbarkeit.

Das Publikum ist dankbar und lässt sich allzu gern manipulieren. Wenn Adam plötzlich nach einer Pause ruft, das Saallicht angeht und die Türen zum Zuschauerraum sich öffnen, folgt man gehorsam dieser Aufforderung. Bis man von der Bühne zurückgerufen wird. Der Gerichtsrat hat entschieden: Man werde nun doch weitermachen.

Arnold Hohmann

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