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Verkehrsprojekt

Rücksicht hat immer Vorfahrt

28.01.2011 | 17:53 Uhr

Herten.Die Verwaltung nennt es „einen Verkehrsversuch“ und hofft, dass dieser Herten auf dem Weg hin zur Anerkennung als „fahrradfreundliche Stadt“ einen großen Schritt voranbringt: Zunächst für die Dauer eines Jahres soll Radfahren in der Fußgängerzone der Hertener Innenstadt nicht mehr nur geduldet, sondern ganz offiziell erlaubt sein -- und das ohne eine zeitliche oder räumliche Beschränkungen. Ein Vorschlag, der unter den Mitgliedern des Ausschusses für Arbeit, Stadtentwicklung und Umwelt am Donnerstagabend schon mal mehrheitlich auf Zustimmung stieß (bei fünf Gegenstimmen). Und bei den Hertener Bürgern . . .?

Es ist nicht wirklich viel los an diesem Freitagmittag auf der Ewaldstraße, fürs Radfahren wäre hier und jetzt deshalb im Prinzip jede Menge Platz. Hier und jetzt? Helge Klimek (49) sagt, insbesondere die Ewaldstraße sei doch grundsätzlich „breit genug“, biete Pedaleuren und Fußgängern gleichermaßen Raum. Und fährt fort: Herten als Ort der „schnellen Wege“, die Innenstadt mit ihrem „rar gesäten Parkplatzangebot“, da sei eine Freigabe der Fußgängerzone für den Radverkehr doch nur zu begrüßen. Seine Frau Birgit Klimek (50), die gerade mit ihrem Drahtesel um die Ecke biegt, nachdem sie ein paar Besorgungen auf dem Wochenmarkt gemacht hat, nickt: „Super Vorschlag!“ Dann schwingen sich beide auf ihre Räder und radeln davon, nicht indes, ohne dass Helge Klimek noch eine Anregung zum Thema hätte: „Zumindest auf der Ewaldstraße wäre auch genug Platz, um eine eigene Radfahrspur – wie etwa in Venlo – zu markieren!“

Gute Idee?

Aber ja!, sagt Ludger Südfeld (63). Eine offizielle Radfahrerlaubnis für die Hertener Fußgängerzone würde diese „ganz sicher“ beleben, davon ist er überzeugt. Und dies, glaubt Südfeld, würde auch den Geschäften in der Innenstadt gut tun und dem Wochenmarkt, auf dem der Landwirt seit über 20 Jahren vertreten ist, „in den letzten zehn Jahren haben sich die Stände hier um zwei Drittel reduziert“. Pro Verkehrsversuch sind schließlich auch Dean (14), der an diesem Morgen zu einer Aufführung im Glashaus – pssst! -- mit dem Rad gekommen ist, und sein Kumpel David (12). „Man muss“, sagt der Jüngere, natürlich vorsichtig fahren.“

Doch dass dies immer und überall funktioniert? Ursula Gehlich (68) und ihr Mann Harry (70) Gehlich sind da skeptisch, und deshalb halten sie von einer offiziellen Freigabe der Fußgängerzone für den Radverkehr: gar nichts. Befürchtungen äußern die beiden vielmehr, dass im Fall der Fälle Fußgänger womöglich sogar von den Radlern „an die Seite gedrängt“ werden. So, wie es Angela Hannemann (28), Mutter dreier Kinder, vor zwei Jahren bei ihrem damals dreijährigen Sohn bereits einmal erlebte, als ein Radler von hinten ankam: „Ich habe mein Kind erst im letzten Moment zur Seite reißen können!“

Doch damit genau solche Situationen vermieden werden, soll der Verkehrsversuch auch intensiv begleitet werden: in Form einer zeitgleich erfolgenden Öffentlichkeitsarbeit, der Verteilung von Faltblättern, mit Plakaten, Aktionen in Schulen. Denn eines, sagte Fachbereichsleiter Ralf Terpoorten erst jüngst im Kreis begeisterter Zweirad-Nutzer, sei doch sonnenklar: „Selbstverständlich hat Rücksicht in der Fußgängerzone immer Vorfahrt.“ Ganz egal, ob man auf zwei Beinen unterwegs ist. Oder auf zwei Rädern.

Sabine Kruse

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