Protest gegen Nazi-Demo
29.11.2009 | 18:47 Uhr 2009-11-29T18:47:00+0100Während am Bahnhof 500 Nazis aufmarschierten, boten die Recklinghäuser ihnen mit einer Mahnwache und Gegendemo die Stirn.
Vom abgeriegelten Hauptbahnhof sind es nur wenige Meter bis zum Ehrenmal am Lohtor, und doch könnte an diesem verregneten Samstagmorgen die Stimmung an zwei Orten unterschiedlicher nicht sein. „Wir stehen hier, weil es zu einer bunten Vielfalt, zu einem friedlichen und toleranten Zusammenleben in unserer Stadt keine Alternative gibt”, begrüßt VHS-Leiter Jürgen Pohl im Namen des Koordinierungskreises „Recklinghausen für Toleranz und Zivilcourage” die Anwesenden.
Vertreter der Schulen, Vereine, Parteien, Gewerkschaften, der christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinden aus dem ganzen Kreis Recklinghausen stehen entschlossenen beisammen, auch um der eigenen Hilflosigkeit entgegen zu wirken: „Demokratie heißt eben, Andersdenkende akzeptieren zu müssen, selbst wenn die auf dem falschen Weg sind. Nichts desto trotz ist es unsere Aufgabe heute, mit dieser Mahnwache den richtigen Weg zu zeigen”, versucht Christos Argiriou, Sprecher des Recklinghäuser Kinder- und Jugendparlaments in Worte zu fassen, was so viele der friedlichen Demonstranten hier und heute beschäftigt.
Auftrag und Verpflichtung der Gesellschaft
Denn Akzeptanz fällt schwer, auch und vor allem angesichts der Worte Harold Lewins. Ganz genau erinnert sich das Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen an den 9. November 1938. Damals, als er von der Schule heimkam und die Synagoge brannte, an die lachenden Passanten, an Feuerwehr und Polizei, die tatenlos zusahen, an verschleppte Nachbarn und gedemütigte Freunde, an die Konzentrationslager. Mit fester, lauter Stimme beschwört Lewin die Bilder der Vergangenheit, ein bewegender Vortrag, der die Brücke schlägt in ein finsteres Stück deutscher Geschichte.
Genau daraus ergeben sich, laut Bürgermeister Wolfgang Pantförder, Auftrag und Verplichtung unserer Gesellschaft: „Niemals wieder darf es extremistisches Handeln geben und wir dürfen nicht aufhören klar zu stellen, dass es in Recklinghausen keinen Boden gibt für rechtes Gedankengut.” Und harren sie aus, bei Liedern und Gedichten, bei afrikanischen Trommeln und türkischer Laute, setzen dem braunen Brei die bunte Vielfalt entgegen. „Wir sind heute hier mit dabei, weil wir es einfach wichtig finden, dass man sich gegen Rechte einsetzt”, erzählt die 16-jährige Denise, Schülerin der Wolfgang-Borchert Gesamtschule in Recklinghausen. Eine von vielen Jugendlichen, die den Weg zum Ehrenmal gefunden hat.
Etwa 500 rechtsorientierte Personen nahmen nach Angaben der Polizei an der Demonstration teil. Gruppierungen aus dem linken Spektrum versuchten immer wieder, die Demo zu stören. Dies unterband die Polizei konsequent, direkte Konfrontationen gab es keine. Im Verlauf des Tages waren im Zusammenhang mit dem Aufzug Rechts und den Gegenaktionen Personalienfeststellungen und 141 Platzverweise erforderlich. Darüber hinaus kam es zu einer Strafanzeige wegen Beleidigung. Auch die für die Banhöfe zuständige Bundespolizei erteilte 278 Platzverweise.
Auch die Mitglieder der Jungen Sozialdemokraten sind mit von der Partie, verteilen Schokoladengebäck an die Besucher: „Hau weg die braune Scheiße”, erklärt der 21-jährige Rouven grinsend und fügt hinzu: „Ein kleiner Spaß. Wir nehmen diese Veranstaltung sehr ernst und freuen uns, dass die Resonanz so groß ist. Hoffentlich werden so noch viel mehr junge Leute motiviert, etwas zu tun.”
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