Ollis rollendes Klassenzimmer
24.08.2007 | 22:59 Uhr 2007-08-24T22:59:58+0200Der Recklinghäuser Oliver Thier (37) ist Lehrer an der "Schule für Zirkuskinder".In einem speziell umgestalteten Wohnmobil unterrichtet er alle paar Tage an einem anderen Ort
Recklinghausen. Laugen, lernen Chalina (12), Chanel (8) und Sascha (10) Frank gerade, sind alkalisch, basisch. Und: Laugen sind ätzend, rein chemikalisch betrachtet. Denn an dem Stoff, der an diesem Morgen Thema ist im Unterricht mit Oliver Thier, finden Chalina, Chanel und Sascha sichtlich Gefallen. Was nicht zuletzt für den Recklinghäuser spricht, den Lehrer der Kinder des Zirkus' Payazzo, der zurzeit auf dem Festplatz an der Zechenstraße in Marl-Brassert Station macht.
Nicht, dass Oliver Thier irgendwelchen Zirkus machen müsste, um seinen Schülern Schule schmackhaft zu machen. Und doch macht der Mann in seinem Wohnmobil, speziell umgestaltet und eingerichtet als eine Art rollendes Klassenzimmer inklusive Internetzugang, Unterricht der etwas anderen Art. Das Lehren einer Miniklasse; die Möglichkeit, ein Thema so lange ein Thema sein lassen zu können, bis jeder Schüler den Stoff verstanden hat; die Chance, Chalina, Chanel, Sascha und ihren - an diesem Tag kranken - Bruder Sandro (16) genau dann in die Pause zu schicken, wenn sie eine solche benötigen: "Für meine Berufszufriedenheit", sagt der 37-Jährige, "ist dieser Job hier super."
Für seine Berufszufriedenheit: Zweieinhalb Jahre war Oliver Thier nach seiner Ausbildung zum Sekundarstufen-I-und-II-Lehrer für Biologie und Sport an einer Realschule in Dortmund tätig. Doch Klassen mit 33, 34 Kindern, überhaupt das hiesige Schulsystem, "das war nicht meine Welt".
Auf Anregung seiner Frau Alexandra bewarb sich Oliver Thier dann vor sechs Jahren bei der Evangelischen Kirche im Rheinland, dem Träger der "Schule für Zirkuskinder in NRW". Jetzt ist er Universal-Lehrer. Ein Wissensvermittler für jedes Fach, für alle Altersgruppen. Vom Erst- bis zum Zehntklässler. Wobei er den Unterricht in der Grundschule für den schwierigsten hält.
Warum? Nun, "Olli", wie ihn Chalina, Chanel und Sascha nennen, erklärt die Sache so: "Ob ich eine Spinne rechts- oder linksrum krabbeln lasse, ist für das Leben der Kinder relativ egal. Aber dass sie bei mir Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, das ist wichtig."
Zwei, drei Tage die Woche unterrichtet Oliver Thier Chalina, Chanel und Sascha. Fährt morgens nach Ahaus, Bocholt, Marl - je nachdem, wo der Zirkus Payazzo, der Betrieb der Familie Frank, gerade gastiert - abends ist er dann für gewöhnlich wieder zu Hause.
Den Rest der Woche? Gibt Oliver Thier Unterricht via E-Mail-Anweisungen, per E-Learning und individuell auf den einzelnen zugeschnittenen Lernpaketen, die jeder Schüler selbstständig bearbeiten kann. Zwei ältere Kinder der Franks, Gino (20) und Mano (19), hat er mit diesem Konzept bereits zum Hauptschulabschluss geführt - obwohl die zwei, als sie mit 13, 14 erstmals in seine Zirkusschule kamen, kaum mehr konnten als Grundschüler. Dass er als Lehrer der Zirkusschule für diesen Lernerfolg "die volle Verantwortung" trage, sagt Oliver Thier, freue ihn sehr: "Das war super." Und schiebt nach: "Wenn man ein Kind individuell fördert, lässt sich viel erreichen." Ollis rollendem Klassenzimmer sei Dank.
Mit diesem übrigens ist der Recklinghäuser nächste Woche in Düsseldorf im Einsatz. "Dann gehen wir auch mal in den Aqua-Zoo", kündigt er Chalina, Chanel und Sascha Frank an. - Ätzender Unterricht ist wahrlich was anderes.
Vorstellungen des Zirkus Payazzo und des Kooperationspartners Russischer Zirkus auf dem Festplatz Brassert: Sa., 25. 8.: 16 + 19.30 Uhr; So., 26. 8.: 11 + 14 Uhr.
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