Ölbaum schöner als ein Oscar
22.03.2010 | 12:53 Uhr 2010-03-22T12:53:00+0100
Recklinghausen. Luxuslimousinen glänzten durch Abwesenheit, und Zaungäste konnten sich nicht über die schrillen Roben der Stars mokieren, denn die kamen allesamt salopp gekleidet. Auch auf den roten Teppich verzichtete das 1. Kirchliche Filmfestival.
Geboten aber wurde echte Klasse: Unterhaltung, Qualitiät, menschliche Begegnung.
Als Filmfan und Filmkenner entpuppte sich der Ehrengast der Eröffnung am Freitag: Felix Genn, Bischof von Münster, Der besucht seit vielen Jahren die Berlinale und ist selbst Mitglied eines Gremiuns, das einen Filmpreis vergibt. Auch weiteste Wege scheuten die Filmschaffenden nicht zu dem neuen, deutschlandweit einmaligen Filmfestival. So reiste etwa Sibel Kekilli, Hauptdarstellerin in „Die Fremde“ von Regisseurin Feo Aladag (1. Preisträgerin des 1. Kirchlichen Filmfestivals), eigens aus Finnland an.
Auch Regisseur Zoltan Spiradeli nahm die stundenlangen Bahnfahrten - von Berlin nach Recklinghausen und retour - ohne Klagen auf sich. Selbst für den Film- und TV-erfahrenen Spiradelli dürfte das Festival Seltenheitswert besessen haben: Sein preisgekrönter Kurzfilm „Der Hahn ist tot“ brachte das Publikum zum Mitsingen und Kichern und wirkt, obwohl schon aus dem Jahr 1988, so taufrisch-komisch, dass heutige Comedians dagegen einfach nur langweilen.
Im lockeren Gespräch nach seinem Kino-Erfolg „Vaya con Dios“ mit Daniel Brühl als einer von dreien aus ihrem Kloster vertriebenen Mönchen und ihren Kontakten zur weltlich-modernen Welt bekam Spiradelli viel Lob: „Es war einfach zauberhaft.“
Sönke Wortmann („Die Päpstin“ ), Regisseur Lancelot von Naso und Hannes Jaenicke („Waffenstillstand“) kamen, ließen sich nach den Vorstellungen in Gespräche verwickeln. Wortmann bekannte: „Es war wunderbar, eine so große Produktion machen zu können, mit dem Medium zu spielen.“
Drei Tage lang herrschte eine heitere, gelassene und ungezwungene Atmosphäre, obwohl manche Filme richtig an die Nieren gingen. Besonders „Die Fremde“ (der Film von Feo Aladag ist aktuell für mehrere deutsche Filmpreise, die „Lolas“, nominiert), berührte das Publikum im ausverkauften, größten Kinosaal sichtlich. Die Geschichte einer jungen, türkischstämmigen Frau aus Deutschland, die es in ihrer Ehe nicht mehr aushält, der bittere Konflikt mit ihrer eigenen Familie, all’ das nimmt Zuschauer gefangen. Aladag: „Ich habe fast sieben Jahre für diesen Film recherchiert, bin in Frauenhäuser gegangen, habe drei Prozesse wegen so genannter Ehrenmorde verfolgt.“
Sibel Kekilli steht voll und ganz hinter ihrer Rolle: Sie engagiert sich seit vielen Jahren für die Frauenrechtsorganisation „Terres des Femmes“.
Pfarrer Thomas Damm vom Veranstalterteam: „Wir verleihen hier natürlich keinen Oscar.“ So gab es einen richtigen Ölbaum als Preis plus 2000 Euro.
Der Kinderfilmpreis ging an die „Vorstadtkrokodile“.

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