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Notaufnahme lässt warten

18.09.2012 | 05:21 Uhr
Notaufnahme lässt warten
Melanie Gaber ( 34 ) mit ihrer Tochter Caitlin ( 3) aus Herten.Foto: Gerhard Schypulla

Herten. Drei Milchzähne schief, der Oberkiefer schwarz und blau, die Oberlippe dick angeschwollen, immer wieder lief ein Blutrinnsal aus dem Mund. So sitzt die dreijährige Caitlin mit ihrer Mutter Melanie Gaber (33) am vorletzten Sonntag in der Notaufnahme des Knappschaftskrankenhauses Recklinghausen. Viereinhalb Stunden muss sie warten – und wird nicht behandelt. „Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film“, sagt die Mutter.

Kinderklinik behandelt nicht

Beim Spielen rutscht die Dreijährige Sonntagmittag in ihrem Zimmer aus und schlägt mit den Zähnen auf die Bettkante. Die Kleine hat den Mund voller Blut, die Mutter versucht die Blutung zu stoppen. Nach dem ersten Schock wird schnell klar: Das Kind gehört in ärztliche Behandlung. Die Fahrt geht in die Kinderklinik Gelsenkirchen-Buer. Eine Mitarbeiterin in der Anmeldung (!) entscheidet, dass die Kinderklinik nicht der richtige Ort für eine Behandlung ist. „Fahren Sie in das Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen, dort gibt es eine kieferchirurgische Abteilung“, teilt sie mit.

Melanie Gaber trifft gegen 17.30 Uhr in der Notaufnahme des Knappschaftskrankenhauses ein. Dort hofft die Mutter auf schnelle Hilfe – vergeblich. „Ich musste fünfmal klingeln, damit überhaupt jemand zur Anmeldung kam“, sagt die 33-Jährige. Nach einer halben Stunde erkundigt sich die Mutter das erste Mal an der Anmeldung. Man verspricht ihr, dass sie in einer halben Stunde dran kommt. Nichts passiert. Das Wartezimmer füllt sich derweil. Melanie Gaber hat den Eindruck, dass ihre Tochter Fieber bekommt. „Das ist die Aufregung“, sagt jemand vom Personal. Erst nach energischem Nachfragen gibt ein Pfleger der Mutter ein Ohrthermometer. 38,5 Grad zeigt die Skala. Auf die Frage, ob es woanders Hilfe geben könnte, heißt es: „Hilfe gibt es nur hier. Sie müssen Geduld haben.“

Andere Patienten warten bereits seit vier Stunden. Als ein älterer Mann das der jungen Mutter erzählt, „korrigiert“ ein Pfleger: „Das stimmt nicht. Er sitzt hier hier vielleicht seit drei Stunden.“ Eine Familie mit Kleinkind wartet, ein alter, lungenkranker Mann mit stationärer Einweisung. „Sie saßen dort zusammengekauert, abgestellt wie am Flughafen mit einem voll bepackten Kofferwagen“, beschreibt die Mutter die Situation.

Gegen 20 Uhr werden Mutter und Kind in einen Behandlungsraum geführt. Gegen 20.50 Uhr taucht ein Arzt auf und sagt: „Ich bin ihn zehn Minuten bei ihnen.“ Nach 20 Minuten kommt der Arzt tatsächlich am Behandlungszimmer vorbei, füllt „weitere zehn Minuten irgendwelche Unterlagen aus“ (Gaber) an der Anmeldung aus und verschwindet wieder.

Um 21.30 Uhr nimmt die Mutter ihr Kind, meldet sich ab und fährt nach Hause. Eine Schwester sagt ihr im Vorbeigehen: „Das würde ich an ihrer Stelle auch tun.“

Montags stellt der Zahnarzt, den die Familie aufsucht, fest: Drei Milchzähne hätten gerichtet werden könne, wenn das Kind innerhalb der nächsten Stunden behandelt worden wäre. Caitlin wird zwei Milchzähne in absehbarer Zeit verlieren. Noch ist offen, was das für die bleibenden Zähne bedeutet.

Vorkontakt bei der Anmeldung

Geschäftsführer Jürgen Hellermann war gestern nicht im Haus. Die Beschwerdestelle nimmt zu dem Fall Stellung. „Das Kind wird in der Notaufnahme auf jeden Fall pflegerischen oder ärztlichen Vorkontakt gehabt haben“, heißt es.

Danach entscheide eine Fachkraft, ob das Kind sofort behandelt werden müsse (z.B. bei einer Gehirnerschütterung) bzw. ob ihm längere Wartezeiten zuzumuten seien.

Irene Stock



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