Musikalische Reise in die Vergangenheit
27.10.2008 | 17:29 Uhr 2008-10-27T17:29:00+0100
Manfred Stier ist der Drehorgelmann.
Er wäre heute gar nicht da, wenn er nicht den Termin mit uns hätte. Schlecht zurecht, sei er. Manni öffnet sein Silberetui, nimmt sich eine gestopfte Zigarette und mustert mit zugekniffenen Augen die Umgebung. Aus seinem Portmonee zaubert er eine Visitenkarte. Die sei aber nicht mehr aktuell, kommentiert er. Darauf steht: Gittas und Mannis Orchestreon. Die Drehorgel ist dem 68-Jährigen geblieben.
Es ist Markttag an diesem Freitag in der Hertener Innenstadt. Die Außenplätze des Cafes´ an der Ecke sind restlos besetzt. Junge Männer in feinem Zwirn, Mütter mit Kinderwagen und einige gediegene Damen sitzen beim Genießer-Frühstück.
Einen Steinwurf entfernt kurbelt Manfred Stier seine Drehorgel. Volkstümliches Liedgut. Vereinzelt halten Passanten für einen Moment. Bestaunen Manni und seine Orgel, werfen ein paar Cent in den kleinen Korb.
Manni liebt es unter Menschen zu sein, von ihnen angesprochen zu werden. „Ich habe mir in den Städten rund um Marl schon ein Stammpublikum aufgebaut”, erzählt der gebürtige Düsseldorfer. Sie kämen und wünschten sich Lieder. Eine musikalische Reise in die Vergangenheit sei das für viele, weiß Manni.
In den 40er-Jahren fing es bei ihm an. „Als Kind hatte ich immer schon Spaß daran, dem Leierkastenmann die Straße hinunter zu folgen”, erinnertsich der Marler. Seine Frau Brigitte war es, die ihm dann Jahrzehnte später eine Annonce in der Zeitung vorlas. „Leierkasten in Schwerte zu verkaufen.” Das inserierte Instrumente sollte es dann allerdings nicht werden, zu leise, dafür hatte der Anbieter aber ein besonderes Bonbon zu bieten.„Eine 80 Jahre alte Drehorgel auf Bändern war das. Ich habe sofort Geld geholt und das gute Stück mitgenommen”, so Stier.
Auf einem alten Kinderwagen befestigt, zog das Duo mit der neuen Errungenschaft los. In vielen Innenstädten lag in den 60er-Jahren noch Kopfsteinpflaster, dadurch verstimmten sich die Orgelpfeiffen ständig. „Mein Nachbar sagte dann immer: Manni spielt mit seiner Eisenbahn, wenn ich die Orgel wieder stimmen musste.” Das Problem war schnell gelöst. Für eine bessere Federung sorgte eine Luftbereifung.
Vor 28 Jahren verlor Manni, gerade 40 Jahre alt, seinen Arbeitsplatz. Der gelernte Bergmann hatte sich nie von einem schweren Verkehrsunfall, der Jahre zurücklag, erholt. Das Eigenheim und seine Unfallrente blieb den beiden und ihren vier Kindern noch. Das Hobby wurde zum Beruf gemacht. Europaweit waren Manni und Gitta unterwegs. Sie mit der Orgel und er mit der Mundharmonika. Österreich, Schweiz, Italien, sie lernten viele Städte und ein großes Publikum kennen. Bei Jubiläen, auf Geburtstagen und Hochzeiten traten sie auf.
Vor vier Jahren starb Gitta. Manni blieb die 20er Orgel und sein Repertoire von 987 Liedern. Er ließ sich nicht unterkriegen. Schnallt einmal die Woche den Orgelhänger an seinen Motorroller und braust zu seinen Fans. Sicher, er könne auch ohne das Zubrot überleben, sagt er, aber um einen gewissen Lebensstandard halten zu können, müsse er kurbeln. Das fällt ihm von Tag zu Tag schwerer. Die Beine sind seit dem Unfall steif. Lange stehen ist nicht mehr. Das Alter tue sein übriges. Maximal drei Stunden, dann packt er wieder zusammen. Er denkt ans Aufhören. Einer seiner drei Söhne werde seinen Posten übernehmen, meint Manni.
0mitdiskutieren