Das aktuelle Wetter Unser Vest 9°C
Streik

Moderne Sklaverei

09.11.2010 | 15:38 Uhr
Moderne Sklaverei
Am Dienstag organisierte der Verdi-Bezirk Emscher Lippe Nord einen Warnstreik für rund 1000 AWO-Mitarbeiter in der Recklinghäuser Innenstadt. Foto: Lutz von Staegmann / WAZ FotoPool

Recklinghausen Für 701 Euro wird die examinierte Altenpflegerin auf dem Recklinghäuser Altstadtmarkt verkauft, regelrecht verramscht. Zentraler Streikpunkt war am Dienstag Recklinghausen.

Hausmeister, Hauswirtschaftler, Erzieherinnen und Pflegehelferinnen hat der Peitsche schwingende Sklavenhändler Detlev Beyer-Peters noch im Angebot. Nachschub sei kein Problem, der Markt sei voll von Arbeitsuchenden, die gerne und viel für wenig Geld arbeiten, wettert er. Die streikenden Awo-Beschäftigten fühlen sich verstanden und feuern ihren Konzernbetriebsratsvorsitzenden an.

Während die Polizei rund 700 Teilnehmer schätzt, spricht Gewerkschaftssekretärin Vera Foullong-Marquardt vom Verdi Bezirk Emscher-Lippe-Nord von über 1000 Awo-Mitarbeitern aus sieben Bezirken, die an diesem wolkenverhagenen Tag in der Festspielstadt für bessere Arbeitsbedingungen und eine Lohnerhöhung um 4,5 Prozent kämpfen. 140 von ihnen kommen aus dem Kreis Recklinghausen. Damit sie teilnehmen können, werden in Herten drei Kindertagesstätten und in Marl eine geschlossen. In anderen Einrichtungen werden Notdienste gefahren.

Vom Rathaus zieht der Protestzug über den Kaiserwall auf den Altstadtmarkt. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Kohle klaut“, skandieren die Demonstranten, die auch aus Bochum, Dortmund, Essen, Hamm, Unna, dem Münsterland und dem Nachbarbezirk Emscher-Lippe-Süd gekommen sind. Zu überhören sind sie nicht, mit Trillerpfeifen und Rasseln machten sie ihrem Frust Luft.

„Mich wurmt die Leiharbeitsfirma am meisten und dadurch das ständig wechselnde Personal. Zum Teil sind die Kollegen nur zwei bis drei Tage im Einsatz. Das ist für demente Patienten nichts, die brauchen eine Bezugsperson“, klagt Altenpflegerin Heike Packert vom Ida-Noll-Seniorenzentrum in Datteln. Hinzu komme, dass die Kollegen, die bei der hauseigenen Tochter Awo Service GmbH angestellt seien, die selbe Arbeit verrichten, dafür aber bis zu 17 Prozent weniger Lohn bekämen, ergänzt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Kreisverbandes Essen, Martina Willmanns: „Wo Wohlfahrt drauf steht, sollte auch Wohlfahrt drin sein.“

Beim Thema Leiharbeit komme Bewegung ins Spiel, verkündet kurz darauf Verdi-Verhandlungsführer Wolfgang Cremer auf dem Altstadtmarkt. Aus einer aktuellen Pressemitteilung zitiert er den Awo Bundesvorsitzenden Wolfgang Stadler, der sich gegen „eine systematische Anwendung von Leiharbeit“ ausspricht und dass ein „zurückhaltender und verantwortungsvoller Einsatz intendiert war und ist“. Ungläubig schütteln viele Anwesenden die Köpfe. Gewerkschafter Cremer feuert weiter seine Salven ab, fordert die sofortige Anhebung des Lohnniveaus und die Abschaffung der hauseigenen Leiharbeitsfirma.

Stefan Huxel

Facebook
 
Videos die Sie interessieren könnten
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3923203/create

Aktuelle Fotos und Videos
2. Firmenlauf in Oer-Erkenschwick
Bildgalerie
Spaß-Teamlauf
Traum eines lächerlichen Menschen
Bildgalerie
Theaterprojekt
Deutscher Mühlentag
Bildgalerie
Volksparkl Marl
Aus dem Ressort
CDU fordert Rücktritt des Landrats
Streit um...
Der Druck auf Landrat Cay Süberkrüb (SPD) wächst weiter. Die Kreistags-Fraktion der CDU beschloss am Freitag in einer Sondersitzung einstimmig, für die kommende Kreistagssitzung am 18. Juni einen Antrag einzubringen. Dessen Inhalt: Der Kreistag möge beschließen, den Landrat zum Rücktritt
„Totentanz“ eines Entertainers
Ruhrfestspiele
Nach der im Vorjahr gefeierten „Demonstration“ inszeniert Frank Hoffmann erneut eine Wieder-Entdeckung von George Tabori: „Abendschau“