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1,9 km „Seh“-Meile

Mit heißem Reifen zur Kunstmeile

23.07.2012 | 23:00 Uhr
Mit heißem Reifen zur Kunstmeile
Bereits gesetzt für die zweite Wettbewerbs-Stufe der Kunstmeile: Heike Mutter und Ulrich Genth, hier in der Kunsthalle während ihrer Ausstellung „Metareflektor Luftoffensive“.

Recklinghausen.   Für den Radweg und für den künstlerischen Wettbewerb auf der einstigen Bahntrasse gilt ein enger Zeitplan bis Ende Oktober 2013

Es klingt zunächst widersprüchlich, wenn Kulturpolitiker und Verwaltung unisono vom „Gas geben“ sprechen – und einen Radweg meinen. Sollten Radler nicht auf den 1,9 Kilometern der künftigen „Kunstmeile“ ganz entspannt dahingleiten können? Mit „Gas geben“ ist denn vor allem der enge Zeitplan gemeint.

Mit dem Stichtag 31. Oktober 2013 muss die Zielgerade für jene alte Bahntrasse erreicht sein, die vom Zechengelände General Blumenthal südlich der Breukesbachstraße Richtung Herten führt. Sonst gingen Fördergelder verloren, und die Förderung ist zugleich beachtlich – und trickreich. 90 Prozent der Gesamtkosten von 507 000 € finanziert das Land aus dem Ökologie-Programm Emscher-Lippe des Umweltministeriums. Und auch für den zehnprozentigen Eigenanteil ist gesorgt, weil die Sparkasse Vest sich mit 25 000 € an der „Kunstmeile“ beteiligt.

Die fast exakt eine Seemeile messende Radtrasse, die vom Zechengelände General Blumenthal südlich der Breukesbachstraße Richtung Herten führt, ist zwischen Herner Straße im Osten und Friedrich-Ebert-Straße im Westen bereits seit sieben Jahren als Geh- und Radweg fertig gestellt. Die Kulturpolitiker konnten dort also in der Vorwoche bereits Probe fahren. Zum eigentlich neuen Radweg werden noch weitere 900 Meter bis zur Hubertusstraße im Osten. Zwischen „Alt“ und „Neu“ bleibt eine Lücke von 70 Metern – nämlich am vielbefahrenen Knick von Herner Straße und Kurt-Schumacher-Allee. „Die sichere Verkehrsführung ist aber über die Ampelkreuzung möglich“, heißt es im Verwaltungsbericht für den Kulturausschuss.

Dort debattierten die Fraktionen denn auch in ihrer Juni-Sitzung (die WAZ berichtete) weniger die gute Nachricht der höchstmöglichen Förderung. „Das ist eine Hausnummer!“, meinte Marina Hajjar (CDU). Das Hin und Her der Debatte kreiste vor allem um das mehrstufige Wettbewerbs-Verfahren, das bald starten sollte.

Von den 218 000 € des künstlerischen Teiletats der Kunstmeile bleiben für die Ausführung der schließlich preisgekrönten Entwürfe 174 000 € – inklusive Honorar, Herstellungskosten, Montage und Transport. Das sei „nicht viel Geld für internationale Kunst“, meinte Holger Freitag (Grüne), der Vorsitzende des Kulturausschusses.

„Gesetzte“ Künstler mit klingenden Namen machen eine Ausschreibung attraktiver. So verfuhr Prof. Ferdinand Ullrich, neben seinem Amt als Direktor der Städtischen Museen auch Sprecher für die „Kunst im öffentlichen Raum“-Projekte der 20 Ruhrkunstmuseen, mit der zweiten Stufe des Wettbewerbs. Diese Vorauswahl ist so schlüssig wie naheliegend, denn gesetzt sind die Gewinner der letzten Kunstpreise „junger westen“ für Skulpturen und Installationen.

Das „älteste“ Preisträger-Duo, Heike Mutter und Ulrich Genth, machte Revier-weit Furore mit seiner Duisburger Halden-Achterbahn „Tiger & Turtle“, einem verspäteten Beitrag für die Kulturhauptstadt. „Ein Millionending“ nannte es Prof. Ullrich – das Heike Mutter und Ulrich Genth unter dem hohen Baumbestand der Recklinghäuser Kunstmeile sicher nicht wiederholen werden. Beträchtlichen Charme hatten aber auch frühere Werke des Paares im öffentlichen Raum: So landete für die Münsterland-Biennale 2005 ein aparter hölzerner Helikopter im 1:1-Maßstab vor dem Vredener Hamaland-Museum.

Gereon Krebber, der „junge Westen“-Preisträger des Jahres 2007 und Schüler des großen Tony Cragg, arbeitet gerne bildhauerisch-monumental mit Billig-Materialien wie Haushaltsfolien. Und Michael Sailstorfer, der Durchstarter aus Niederbayern, bewies als Vorjahres-Preisträger in der Fährmannschule, dass er heiße Reifen schätzt: „Zeit ist keine Autobahn“ hieß das Werk mit Motor, Pneu und einem schließlich vernehmlich sicht- und riechbaren Abrieb.

Zumindest einer der drei plus x Kandidaten für die Kunstmeile hat also bereits bewiesen, dass er einiges vom „Gas geben“ versteht.

Ralph Wilms


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