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Vestische Literaturszene

Mehr als die „Tintenwelt“

11.10.2012 | 16:08 Uhr
Mehr als die „Tintenwelt“
Der „Bambi 2008“ war zwar kein Nobelpreis: Aber die vestischen Bestseller-Autoren Cornelia Funke und Hape Kerkeling sieht man sonst selten Seite an Seite.Foto: dapd

Recklinghausen / Vest.   Die Autoren-Szene zwischen Dorsten und Datteln hat noch weit mehr zu bieten als das Bestseller-Duo Cornelia Funke und Hape Kerkeling. 2013 auch wieder mit eigener „Vestischer Buchmesse“.

Cornelia Funke als Fantasy-Superstar nicht nur für junge Leser, daneben Hape Kerkeling als Urlaubs-Trendsetter von Santiago de Compostela bis Norwegen: War’s das schon in diesen Buchmesse-Tagen zum Thema Literatur im Vest? Keineswegs.

Ralf Kropla hat ein ganzes Schaufenster seiner Buchhandlung „Attatroll“ an der Herner Straße unter dem Slogan „Literarisches Vest“ eingerichtet: Und davor lässt sich verweilen, denn diese Auswahl mit immerhin 45 Autoren bietet neben den nationalen Bestsellern der Dorstenerin Funke und des Recklinghäusers Kerkeling etliche attraktive Überraschungen.

Liebevoll gearbeitete Unikateund „völlig abgedrehte“ Band-Bio

Auch Regionalverlage machen schöne Bücher – und selbst ein ganz und gar selbst gestaltetes Kinderbüchlein kann eine Augenweide sein, so verführerisch wie die reich ausgestatteten Romane der studierten Illustratorin Cornelia Funke. Ralf Kropla, der Buchhändler und Mit-Vorständler der Neuen Literarischen Gesellschaft, legt zwei letzte Exemplare des „Vollkornfrosch“ aufs Tischchen seiner Lese-Ecke: ganzseitige Zeichnungen, humorvolle Verse, einzeln eingelegte Notenblätter im perlenbestickten Schuber. Julia Ena schuf Stück für Stück ein liebevoll gearbeitetes Kleinod: Kinderbuch-Unikate zum kleinen Preis.

Ein Antipode wäre der in Recklinghausen aufgewachsene – und heute an der Universität Edinburgh lehrende – Christian Robert Lange: Der 37-jährige Islamwissenschaftler publizierte seinen historischen Roman „Der geheime Name Gottes“ im renommierten Mainzer Kunstbuch-Verlag von Zabern. Sein Werk erzählt von den Reisen des Ibn Battuta, eines gelehrten berberischen Welt-Erforschers im 14. Jahrhundert.

Vestische Literatur verweilt also keineswegs vor der Haustür. Oder sie entdeckt „völlig Abgedrehtes“, wie Ralf Kropla sagt, in der jüngsten Zeitgeschichte: „Das Quiiietschen“ von Olaf O. Manke gehört auch ein bisschen zur Historie von „Attatroll“, denn die Buchhandlung war bei ihrer Gründung vor 29 Jahren eng mit dem „Holzwurm“ verbandelt. Manke, einst Zeichner für die alternative Stadtzeitschrift, erinnert in seinem opulent illustrierten Buch an die Band „Für Wahn“ – deren Musik Ralf Kropla nur schwer beschreiben kann: „Punk war es auch nicht – aber völlig schräg.“

Andere (Ost-)Vestler haben die Literatur in Buchform inzwischen hinter sich gelassen: Jürgen Pomorin alias Leo P. Ard ziert zwar mit seinen schwarz gebundenen Grafit-Krimis das „vestische“ Schaufenster. Doch seit Jahren schreibt der einstige Kompagnon von Reinhard Junge mit Vorliebe „Tatort“-Drehbücher. „Die Zeit der Datteln-Krimis ist vorbei“, meint Ralf Kropla mit leisem Bedauern.

Ganz verwaist ist das literarische Morden im Vest deshalb nicht – denn Jan Zweyer ermittelt gerne in Recklinghausen. Allerdings unternimmt sein neuester Roman „Töwerland brennt“ einen ausgedehnten Ausflug an die Waterkant.

Die Meister der kleinen Form

Und dann gibt es die beständigen Meister der kleineren Form, die Poeten und Erzähler von Kurzgeschichten. „Alle habe ich auch nicht gelesen“, sagt Ralf Kropla. Aber zwei Autoren nennt er ausdrücklich, denen der Buchhändler eine größere Leserschaft wünschen würde: Bernd Nowicki, den viele auch als Schauspieler des Marler „Dionysos“-Ensembles kennen, macht es Lesern leicht mit seinen humorvollen Geschichten, wie sie der Band „Vorsicht beim Umblättern!“ versammelt. Klaus Pentinghaus liefert „super Qualität“, betont Ralf Kropla. Der 75-jährige Lyriker, Lehrer und Musiker nennt seine kleinen Bände „Kopfsalat“ oder „Wurmstichiges für Feinschmecker“.

An den vor drei Jahren verstorbenen Sprachkünstler und Bergbau-Ingenieur Günter Nehm will auch die Neue Literarische Gesellschaft anlässlich ihrer Jubiläums-Matinee am Sonntag, 28. Oktober, erinnern. Viele Büchlein des genialen Jongleurs mit Worten und Reimen sind längst vergriffen. Doch kein geringerer als Robert Gernhardt editierte für den Fischer-Verlag die (nach wie vor erhältliche) Nehm-Auswahl namens „Verspektiven“.

Die vestischen Perspektiven für die Wortkunst enthüllen also durchaus Beachtliches: Und im nächsten Jahr will Wilfried Besser – ein weiterer Beständiger der vestischen Szene – mit seinen Literaten-Kollegen von der Gruppe „Die Tram“ auch wieder zur zweiten Vestischen Buchmesse einladen. Wer braucht dann noch den Milliarden-Seiten-Trubel in Frankfurter Messehallen?

Von Ralph Wilms

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