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Marathon-Mann der Literatur

20.10.2011 | 14:30 Uhr
Marathon-Mann der Literatur
Der Vielbeschäftigte als „Mini-Jobber“: Michael van Ahlen hütet die Lehrerbibliothek des Petrinums. Das älteste Exemplar stammt aus dem Jahre 1516. Joachim Kleine-Büning/WAZ FotoPool

Recklinghausen.   Michael van Ahlen, der umtriebige Vortragskünstler, entflieht seinem 70. Geburtstag ins geliebte Hamburg

24 Stunden hat ein Tag. Michael van Ahlen schert das nicht: Er liest und trägt vor, betreut Bücher und Leser, ist dauernd auf Achse. Am Samstag wird der umtriebige Vortragskünstler 70.

Um seine Bestandsaufnahme zum runden Wiegenfest kann man Michael van Ahlen, seit 2006 im Ruhestand, beneiden: „Ich mache nur noch das, was ich will. Ich lese nur noch das, was ich möchte. Ich führe ein sehr viel entspannteres Leben als früher als Buchhändler“, sagt er über sich selbst. Am Erstaunlichsten ist nicht, wie geistig und körperlich fit der Mann wirkt, denn immerhin trainiert er seine kleinen grauen Zellen wie ein Schachmeister mit Marathon-Ambitionen, sondern seine lässig-entspannte Art. Darauf wird van Ahlen oft angesprochen – und er winkt ab: „Eine Frage der guten Vorbereitung und des Zeitmanagements. Ich bereite mich immer vor.“

Das muss der auch. Das Pensum des Pensionärs würde jeden 30-Jährigen stressen. Obwohl 2011 noch lange nicht vorbei ist, hat er bisher schon rund 30 Veranstaltungen absolviert, schätzt der Literaturfan, Musikfreund (Schlager, Jazz, Klassik), passionierte Radio-Hörer, Sammler englischer Kaffee-Becher und skurriler Krawatten.

Die Lese-Reihen mit van Ahlen sind große Publikumserfolge. Ob im Hemingway’s, Sally’s Corner, Ratskeller oder in der Altstadtschmiede: seine Fans folgen ihm von Ort zu Ort. So läuft seit sieben Jahren die monatliche Staffel „sonntags um 11“, seit Oktober in der Altstadtschmiede. Michael van Ahlen: „Der Startschuss war der Club Cultur, als wir vor gut 15 Jahren in der Schmiede diese Mischung aus Lesung, Menü und Musik aus der Taufe gehoben haben.“

Dass er nicht nur öffentlich, sondern auch ehrenamtlich vorliest, wissen die Bewohner der Seniorenresidenzen Haus Simon und Haus Abendsonne zu schätzen. Und die Familien mit Kindern, die van Ahlen seit sechs Jahren als Erzähler beim Weihnachtskonzert der Neuen Philharmonie Westfalen erleben: „Im Ruhrfestspielhaus und in drei weiteren Städten“, ergänzt der Vorleser.

Übrigens arbeitet der pensionierte Buchhändler noch regelmäßig: „Dienstags, mittwochs und donnerstags von 11 bis 14.15 Uhr, angestellt als Mini-Jobber.“ Michael van Ahlen betreut in dieser Zeit die historisch wertvolle Lehrerbibliothek des Gymnasium Petrinum. „Sie wurde 1823 gegründet, hat rund 10 000 Bücher, darunter die berühmte 146-bändige Goethe-Ausgabe, die Sophien-Ausgabe.“ Lehrer und Oberstufenschüler nutzen die Bibliothek, die aber auch interessierten Besuchern offen steht. „Sie dürfen halt nur nichts kopieren oder ausleihen.“ Und leise müssen alle sein, denn „alte Bücher brauchen ihre Ruhe“.

Otto Sander, Harry Rowohlt, Bruno Ganz und Donna Leon holte van Ahlen nach Recklinghausen. Er tritt mit Musikern wie Michael Mikolaschek, Stefan Werni, Helge Schöning auf. Gibt’s zum 70. Geburtstag einen großen Bahnhof? „Nein, Ich werde sehr schön und sehr ruhig mit meiner Frau Sabine in Hamburg feiern.“ Die Hansestadt liebt er. „Ich habe bei Rowohlt meine Lehre gemacht. Eine tolle Zeit, eine tolle Stadt.“

Mit seiner Frau Sabine bestritt Michael van Ahlen legendäre Lesungen wie eine ganze Nacht in der Altstadtschmiede mit „Winnie the Pooh“, Honigbrötchen und Met inklusive. Dem WDR war das eine Reportage wert. Es hätte auch eine Themenwoche werden können. Eine ganze Zeitungsseite reicht für den Mann, für den 24 Stunden kein Tag sind, jedenfalls kaum aus.

Kerstin Halstenbach

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