Handsignierte Fahrscheine
02.10.2012 | 18:00 Uhr 2012-10-02T18:00:00+0200
Recklinghausen. „Wenn wir den Fahrer ärgern wollten, haben wir im hinteren Führerstand die große Klingel, eigentlich ein Warnsignal, betätigt“, erzählt Elmar Rademacher schmunzelnd. Der 73-jährige Rentner aus Suderwich kann sich noch gut an die Straßenbahn im Vest erinnern — die letzte fuhr heute vor 30 Jahren. 1953 bis ‘57 fuhr er bei schlechtem Wetter die vier Stationen mit der Linie 3 bis zur Zeche König-Ludwig 4/5. Rademacher weiß noch, „wie es nach dem Krieg wieder begann“, wie die Straßenbahnen auf den eingleisigen Strecken ausweichen mussten, in Kurven laut quietschten und dass bei kaputtem Scheinwerfer eine Pechfackel in die Kupplung gesteckt wurde. „Sonntags sind wir mit der Bahn in die Stadt gefahren, ins Kino.“ Erst später stieg er, wie viele andere, auf den Bus und dann noch später aufs Auto um.
Konkurrenz durch das Auto
Das war auch der Grund für das Ende der Straßenbahn. „Die Überlandlinien hätten erhebliche Investitionen erfordert und das rechtfertigte das Fahrgastaufkommen nicht mehr“, erläutert Norbert Konegen, Pressesprecher der Vestischen Straßenbahnen GmbH, heute kurz Vestische. Da sei ab 1958 der Bus rentabler gewesen.
Am 3. Oktober 1982 um 1.10 Uhr rollte die letzte 305 in den Betriebshof Recklinghausen ein, Fahrer Paul Ollmann hatte in der überfüllten Bahn handsignierte Fahrscheine verkauft, Straßenbahnfreunde waren sogar aus Belgien gekommen.
61 Mio. Menschen beförderte die Straßenbahn 1943, gegenüber 1 Mio. im Bus. 1958 waren es 43 Mio. zu 17 Mio. Fahrgäste.
Zum Beispiel an den Wassertürmen zwischen Herten und Recklinghausen vorbei, weiß der ehemalige Straßenbahnfahrer und heutige Verwaltungsangestellte Wilhelm Eckert (56) noch, da seien alle paar hundert Meter Ausweichstellen gewesen, denn bei einem 15-Minuten-Takt begegneten sich die Bahnen dort alle 7,5 Minuten. Auf der Bochumer Straße hingegen, so sein Kollege Volker Zimmermann (57), fuhr die Bahn mitten auf der Pkw-Fahrbahn und „jeder Linksabbieger hielt alles auf.“ In den 70-er Jahren sei die Konkurrenz durch das Auto schon erheblich geworden. „Wo es auch am Schluss noch brummte, war die 318 nach Herne, da kann man drüber philosophieren, ob man die zumachen musste.“ Auch hier wären aber erhebliche Investitionen ins Oberleitungs- und Schienennetz nötig gewesen. Heute ist es noch die stärkste Linie, der SB20 befördert täglich über 10 000 Menschen.
„Natürlich schwingt im Nachgang eine gewisse Nostalgie mit“, gibt Eckert zu. Für die Fahrgäste sei die Straßenbahn auch sanfter gewesen, im Bus ist es ruppiger. 19 Linien gab es einst.
„Auffällig fand ich, dass im letzten halben Jahr die Straßenbahn an jeder Ecke fotografiert wurde, da müssen Unmengen von Bildern im Umlauf sein“, weiß Zimmermann. Kollege Eckert ist seit 42 Jahren im Betrieb: „Langweilig war’s nie!“
15:20
Und dank einer so kurzsichtigen Politik, gibt es seid 1982 keine durchgehende Verbindung mehr zwischen Recklinghausen und Bochum. Selbst Versuche die U 35 nach RE Hbf zu verlängern scheiterten. Es kommt nicht von ungefähr das dass Ruhrgebiet im Autoverkehr erstickt.
13:47
Die Abschaffung der Straßenbahnen, auch noch zu einem Zeitpunkt, als viele Großstädte in der Welt diese neu entdeckten und ausbauten, reiht sich nahtlos in die Geschichte schwachsinniger Politikerentscheidungen ein