Geschichte dahinter
27.03.2008 | 21:09 Uhr 2008-03-27T21:09:00+0100Seit Anfang März leitet der Halterner Josef Mühlenbrock das Westfälische Museum für Archäologie in Herne.Heute wird das Haus fünf Jahre alt und hat bereits rekordverdächtige 400 000 Besucher gesehen
Herne/ Haltern am See. In dieser Woche erwartet das Westfälische Museum für Archäologie (WMA) in Herne, An der Kreuzkirche, seinen 400 000-sten Gast. Und dem wird Dr. Josef Mühlenbrock (39) Blumen überreichen, freundliche Worte sprechen und dabei ein Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen. Letzteres ist für ihn nicht neu, alles andere aber schon. Seit dem 1. März ist Dr. Josef Mühlenbrock der neue Leiter des WMA.
400 000 Besucher im fünften Jahr des Bestehens - das ist für Museen eine Sensation. Nur fünf Prozent der deutschen Museen erreichen eine jährliche Besucherzahl von 100 000. Ursache für den Besucherstrom ist das Ausstellungskonzept. Denn neben den Artefakten wird in Herne die Archäologie als spannende Wissenschaft thematisiert, durch die der Besucher wie in einer Abenteuerlandschaft wandert. Anstelle von sterilen Schaukästen, in denen Knochen, Tonscherben und Pfeilspitzen nach systematischen Gruppen geordnet gezeigt werden, betrachtet der Besucher Grabungsstätten, Zelte, Transportkisten, lernt interaktiv das Netzwerk von historischen Ereignissen, Kultur und Lebensweisen kennen; erfährt aber auch von den Mythen und Legenden, die sich darum ranken.
Ursache für das unkonventionelle Konzept ist auch der Fortschritt der Wissenschaft, sagt Dr. Mühlenbrock. Das Rätsel um die 20 "Damen von Ilse", hier wurde es gelöst. Den Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) gelang, die Herkunft der Frauen zu lüften, die vor 2550 Jahren in Petershagen-Ilse (Kreis Minden-Lübbecke) beerdigt worden waren. Bereits die Ausgräber waren fasziniert, weil der Schmuck und die Bestattungsart der Frauen für die Region und die Zeit untypisch sind.
Seit 2003 lagern die Funde im WMA, aber erst drei Jahre später wurde mit Hilfe von so genannten Strontium-Isotopenanalysen an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen das Rätsel um die Herkunft von fünf der Frauen gelöst: Diese Untersuchungen ergaben, dass einige von ihnen tatsächlich Ortsfremde waren und nicht in Ilse aufgewachsen sind, sondern aus dem Elsass stammen.
Das ist Wasser auf die Mühlen von Mühlenbrock. "Was mich interessiert, sind nicht die Dinge, die wir aus der Erde holen, sondern die Geschichte, die dahinter steckt", sagt Dr. Mühlenbrock.
Schon während der Schulzeit faszinierte den gebürtigen Halterner die Archäologie. "Schuld" waren die Lateinlehrer ("Frau Kelders, Frau Niewerth, Herr Zurlinden") am damals noch Städtischen Gymnasium in Haltern am See. "Sie vermittelten mehr als nur Stammformen und Deklinationen." Das Bild im Lateinbuch eines von Lavastaub verschütteten Hundes, der an einem der Häuser im versunkenen Pompeji angeleint war, ging ihm nicht aus dem Kopf. Nach dem Abitur und einem Besuch im damaligen Römermuseum an der Goldstraße stand für ihn fest: Ich studiere Archäologie.
Dr. Johann Sebastian Kühlborn, seit 1978 Leiter des provinzialrömischen Fachreferates im Amt für Bodendenkmalpflege beim LWL, sagte nur: "Ich würde es meinen Kindern verbieten, Archäologie zu studieren." Mühlenbrock ließ sich nicht beirren. Mit Schüppe, Schaber und Pinsel bearbeitete er alle Römerlager an der Lippe: Anreppen, Oberaden, Haltern am See. Er war an der Grabung des römischen Töpferofens in Haltern beteiligt, in dessen Arbeitsgrube ein Massengrab für 24 Männer, vielleicht Germanen, entdeckt wurde. Er machte den Studienabschluss, wurde Grabungsleiter in Ostwestfalen. Die Grabungsorte in Westfalen wichen der großen weiten Welt: Nordafrika, Italien. Dissertation. Dann kam Herculaneum.
Mühlenbrock wurde Projektleiter der renommierten Ausstellung, die 2005 128 000 Besucher in das Westfälische Römermuseum nach Haltern lockte und anschließend ins Pergamon-Museum nach Berlin ging.
Ein großer Erfolg für den Halterner. Und das Sprungbrett nach Herne. Dort hat Vorgängerin Barbara Rüschoff-Thale mit der Sonderausstellung "Klima und Mensch. Leben in Extremen" einen Meilenstein für Archäologiemuseen gesetzt, von der sich gar Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums in London inspirieren ließen. "Ich trete in große Fußstapfen."
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