Gemeinsam lernen
03.06.2011 | 18:01 Uhr 2011-06-03T18:01:00+0200
Marl. Das Schulsystem steht vor einem Umbruch, dessen Konsequenzen noch nicht komplett absehbar sind: Behinderte Kinder sollen künftig in Regelschulen unterrichtet werden; diese so genannte „Inklusion“ verlangt die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Doch wie lässt sich das seit 2009 verbindliche Gesetz, das das Recht behinderter Kinder auf Bildung in einer „Schule für Alle“ festschreibt, in der Praxis umsetzen? Für die Stadt Marl hat die Verwaltung dies in einer 20-seitigen Berichtsvorlage nun dargestellt.
Sozialdezernentin Dr. Barbara Duka nennt die Inklusion einen „kompletten Kulturwechsel. Nicht mehr der behinderte Mensch muss sich der Gesellschaft anpassen, es gilt nun der umgekehrte Weg“. Zwar gebe es noch keine Anfrage eines behinderten Schülers oder von dessen Eltern, künftig in einer Marler Regelschule unterrichtet zu werden, ließ Duka am Freitag auf WAZ-Anfrage wissen. Aber im Fall der Fälle „müssen wir uns damit auseinandersetzen“. Dabei sei auch „die Verhältnismäßigkeit zu prüfen“, insbesondere von erforderlichen Umbauten und deren Kosten.
Was das im Einzelnen heißt, wurde jüngst im Schulausschuss deutlich: Während die im Umbau befindliche Scharounschule mit nur geringen Mehrkosten mit behindertengerechtem WC und einem Treppenlift ausgestattet werden kann, sei die Installation eines Aufzuges für den Anbau des Gymnasiums im Lohkamp „zu kostspielig“, so Experten. „Dort“, so Duka, „müssten im Fall der Fälle individuelle Lösungen gefunden werden“.
Ohnehin gehören diese, so scheint’s, zum Gesamtkonzept der Stadt Marl im Umgang mit Inklusion. Mit den Leitern der örtlichen Schulen sei Einigkeit darüber erzielt worden, dass der Elternwille „im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten“ unterstützt wird, Schwerpunktschulen nur eine Übergangslösung darstellten, so Duka. „Theoretisch kann jede Regelschule von Inklusion betroffen sein.“
Früher oder später bedeutetet dies das Aus für die Fördereinrichtungen, an denen zurzeit über 400 Kinder und Jugendliche unterrichtet werden: 182 an der Heinrich-Kielhorn-Schule, 112 an der Wilhelm-Raabe-Schule, an der Glück-auf-Schule 138 Schüler (auch aus Haltern und Herten) mit dem Schwerpunkt „geistige Entwicklung“.
Hinzu kommen an der Goetheschule zehn Primarstufen-Schüler mit Förderbedarf in Form des gemeinsamen Unterrichts und an der Katholischen Hauptschule an der Wiesenstraße zwölf Sekundarstufen-Schüler in Form des integrativen Unterrichts.
Zudem werden an der Astrid-Lindgren-Schule (Dorsten) 50 Marler mit dem Förderbedarf „Sprache“ unterrichtet, an der Raoul-Wallenberg-Schule (Dorsten) 25 Marler in der Sekundarstufe I und an der Christy-Brown-Schule (Herten) weitere Schüler mit dem Förderschwerpunkt „körperliche und motorische Entwicklung“.
Mit der Zeit sollen die Strukturen aufgelöst, Förderschulen überflüssig und Förderschüler individuell durch Sonderpädagogen in einer wohnortnahen Regelschule gefördert werden. Am Ende des Inklusions-Prozesses werden nur wenige Schüler übrig bleiben, für die eine Regelschule keine Lösung darstellt.
Dass der Umbau des Schulsystems allerdings nicht von heute auf morgen gehe, sei klar, betonte Duka: „Alles wird sich entwickeln müssen. Und das kann Jahre dauern.“
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