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Olivetti aus allen...

Geistes-Werkzeug

09.12.2008 | 17:36 Uhr

Der Halterner Wolfgang Bergmann stellt seine umfangreiche Schreibmaschinen-Sammlung aus.

Schreibmaschinenausstellung in der Stadtbücherei Haltern. Wolfgang Bergmann , selbst Olivetti Verkäufer, sammelte die Objekte in langen Jahren. Wolfgang Bergmann mit einer MP1 aus dem Jahre 1932. Design von Aldo Magnelli. © Foto- WAZ: Reiner Kruse

Wenn Wolfgang Bergmann (64) von seinem Hobby erzählt, sprüht er vor Begeisterung. Der Mann ist gelernter Bergmann, Ratsherr (WGH), bekennender Fan von Frauenfußball und als solcher Organisator des größten Frauenfußballturnieres der Republik, in Haltern. Aber was den Mann wirklich zum Glühen bringt, sind „Werkzeuge des Geistes”: Schreibmaschinen. Nicht irgendwelche, willkürlich designte Gerätschaften. Es muss schon eine Olivetti sein. 250 Schmuckstücke aus allen Produktionsepochen des Unternehmens, das Camillo Olivetti 1908 in Ivrea im italienischen Piemont gründete, nennt er sein eigen. Olivetti, das ist für den Büromaschinenhändler Bergmann ein Gesamtkunstwerk.

60 mechanische, elektrische und elektronische Exemplare zeigt er nun bis Ende Januar 2009 in der Stadtbücherei in Haltern am See, Lavesumer Straße 1g. 60 Maschinen und jede Menge Kunst in Gestalt von grafisch aufwändigst gestalteten Plakaten, Büchern und Kalendern.

All diese Schreibmaschinen sind von namhaften Designern entworfen worden. Und nicht nur das. Auf dem Plakat zum ersten Olivetti-Modell, der M1 von 1911, warb der gestreng dreinblickende Dichter Alighieri Dante persönlich: Der Entwurf stammt von Teodore Wolf-Ferrari. Produziert worden war die Schreibmaschine in einem Städtchen – Ivrea, in dem damals die Mehrheit der Bevölkerung kaum Lesen und Schreiben konnte.

Auf dem Werbeplakat für sein zweites Modell, der M20 von 1920, bestaunt eine Frau das schwarze Wunderwerk mit den üppigen Rundungen. Eine Frau ohne Ehering. Emanzipation, Berufstätigkeit der Frau: Das waren im Italien jener Jahre noch keine Themen. Für Camillo Olivetti schon. Auch soziale Fürsorge gehörte für ihn zum Geschäft. 1909 gründete er bereits seine Betriebskrankenkasse, in die er für alle Mitarbeiter einzahlte, 1914 eröffnete sein Werkskindergarten. Wolfgang Bergmann erzählt atemlos. Hier die M40 KR, das robuste Kriegsmodell, daneben die ersten Kofferschreibmaschinen. Klein, bunt, leicht.

Vor der Lettera 32, einem kleinen Modell aus dem Jahr 1950, gibt es für Wolfgang Bergmann kein Halten mehr. Weltliteratur sei auf dieser Maschine entstanden. „Grass, Kästner, Böll, Hemingway, Stephen King: Alle haben auf der Lettera geschrieben. Grass tut es heute noch. Auf einer guten alten Lettera, einer Dauerleihgabe von mir.” In der Vitrine mit den Modellen liegen Meilensteine der Literatur, darunter die Hundejahre von Günter Grass, mit ausführlicher Widmung und Dank für Bergmann.

Weniger Hochkultur, dafür umso mehr Zeitgeist atmet die Vitrine in der Mitte des Raumes. Vier große Schreibkästen in Knallrot, Knallblau, Giftgrün und Weiß, sind im Quadrat angeordnet. Sie thronen auf ihren Koffern, in denen sie verschwinden können, neben ihnen stehen farblich passende Aschenbecher. Auch diese „Valentine” – so der Name der 1969 auf den Markt gekommenen elektrischen Schreibmaschine im perfekten Flower-Power-Stil – war ein echtes Olivetti-Gesamtkunstwerk: Mit eigener Schallplatte und Werbeplakaten von Ettore Sottsass jr. und Perry A. King, die Werbetrommel rührte Brigitte Bardot persönlich.

1969: Das war auch das Jahr, in dem Wolfgang Bergmann heiratete. In dem der ehemalige Bergmann bei Olivetti zu arbeiten begann. 1978 kam Bergmanns Sohn zur Welt. Und der Papa stellt auf der Hannovermesse die erste elektronische Speicherschreibmaschine vor. 13 900 DM kostete die TES 401, die bis zu 8000 Zeichen (8 KB) auf einer Mini-Disc speichern konnte: Das entsprechende Modell von IBM kostete 31 000 Mark, empört sich Bergmann noch heute.

„1980 kam meine Tochter zur Welt. Und Olivetti brachte den schnellsten Postboten aller Zeiten auf den Markt, ein Teletex-Gerät mit 64 MB Speicherkapazität”, erklärt Bergmann. Die letzte Maschine in der Ausstellung ist eine kleine, fast unscheinbare: Die Linea 101, 1994 auf den Markt gekommen, 600 000 mal verkauft, bei Aldi, zu 129 Mark das Stück. „Ich war der einzige in der Republik mit Reparaturlizenz”, erklärt Bergmann.

Heute, 100 Jahre nach der Firmengründung, ist Olivetti kein Familienunternehmen mehr, sondern ein IT-Konzern. Produziert werden Faxgeräte und Tintenstrahldrucker für den Massenmarkt, 54 Prozent der italienischen Telekom gehören Olivetti. Wolfgang Bergmann aber in Haltern hält das Andenken an das technisch, künstlerisch und sozial wegweisende Familienunternehmen aufrecht. Mit viel Herzblut und noch mehr Sachkenntnis.

Sibylle Raudies

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