Frau zeigt Belästigung an - und wird gekündigt
30.05.2008 | 11:36 Uhr 2008-05-30T11:36:00+0200Der Vorfall um eine 20-jährige Rettungssanitäterin, die sagt, sie sei sexuell belästigt worden, weitet sich zu einer Affäre aus. Der Ruf der Freiwilligen Feuerwehr droht nach Ansicht von Insidern Schaden zu nehmen.
Gelsenkirchen. Das war für die 20-Jährige kein Spaß mehr, als sie im Bikini gefesselt am Baum stand und ihr der Rapener Löschzugführer der freiwilligen Feuerwehr Oer-Erkenschwick seinen Namen ganz oben auf die Innenseite der Oberschenkel schreiben wollte. Dafür rissen ihr zwei Mann das eine Bein hoch und klammerten es fest, da geriet sie in Panik und schrie. Für sie war die Schwelle vom Spaß zur sexuellen Belästigung überschritten, zumal noch die Ankündigung im Raum stand, man werde Frauen unter dem Höschen rasieren.
Das Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen musste sich jetzt mit seiner 12. Kammer unter Vorsitz von Richter Dr. Andrick mit dem „etwas außergewöhnlichen” Aufnahmeritual der Wehr am Stimberg auseinandersetzen: Stadtbrandmeister Andreas Lux hat nämlich kurzerhand die 20-jährige Rettungssanitäterin rausgeworfen, weil sie Strafanzeige gegen zwei Beteiligte wegen sexueller Nötigung erstattet hat. Einer der Beteiligten ist der Bruder vom Brandmeister, was gestern auch herauskam.
Rausgeworfen wurden aber auch der Freund der jungen Frau und dessen Vater. Beide Mitglieder in der Feuerwehr – der ältere sogar hauptberuflich und offenkundig für Lux ein steter Stein des Anstoßes, wie die Kammer feststellte.Vater und Freund hätten die Sanitäterin von der Strafanzeige abhalten müssen, man kläre so etwas intern.
Eine Meinung und Rechtsauffassung, die das Gericht in keinem Punkt gelten lassen wollte. Sowohl die 20-Jährige wie auch der Freund und der Vater haben sich rechtlich korrekt verhalten. Bevor das Gericht der Stadt die Entlassungen förmlich um die Ohren schlug, wurden alle drei auf dringenden Rat der Kammer zurück genommen. (cgr)
Das Ritual
Männer werden beim Aufnahmeritual der Feuerwehr am Stimberg nackt bäuchlings an einen Baum gebunden, vollgeschmiert und dann abgespritzt. Nachdem auch Frauen Einzug in die Wehr genommen haben, hat man sich für sie etwas anderes ausgedacht – die 20-jährige Rettungssanitäterin hatte deshalb auch zunächst keine Bedenken, an einem irgendwie gearteten Spaß mit zu machen.
Sexuelle Hintergedanken seien ihr zunächst überhaupt nicht in den Sinn gekommen, führte sie gestern in Gelsenkirchen aus. Vorwürfe, warum sie sich überhaupt auf so etwas eingelassen habe, wehrte sie deshalb auch ab. Was kann schon passieren, wenn man im Bikini von den Kameraden beschriftet wird?
Dann kam jedoch die Fesselung der Hände hinter dem Baum: Hilflosigkeit. Als ihr plötzlich auch noch vom Bruder des Stadtbrandmeisters ein Bein seitlich hochgezogen und festgehalten wurde, erinnerte sie sich an die Drohung der Intim-Rasur. Sie schrie, wollte losgebunden werden. Was umgehend geschah.
Das Gericht riet dringend zu klärenden Gesprächen. (cgr)
Nachgefragt
Kreisbrandmeister Klaus Krauseüber den Vorfall, das Ritual, die Perspektive
Sexuelle Nötigung – Was ist denn in Rapen los?
Krause: Ich war nicht dabei, als das passierte. Die Staatsanwaltschaft allerdings hat das Verfahren eingestellt. Der Vorwurf scheint also strafrechtlich nicht relevant gewesen zu sein.
Ist das nicht ein antiquiertes Ritual, mit dem Neulinge aufgenommen werden?
Krause: Ich bin selbst so eingeweiht worden. Und in 30 Jahren habe ich noch keine Beschwerden gehört.
Aber offenbar ist das Ritual aus dem Ruder gelaufen?
Krause: Die Anwärterin hat sich beschwert, dass ihr das zu weit gehe. Und dann ist auch aufgehört worden.
Dennoch ist es zur Anzeige wegen sexueller Nötigung gekommen.
Krause: Ich habe aus dem Verfahren gehört, dass es der Anwärterin schon gereicht hätte, wenn sich die beiden entschuldigt hätten.
Wie geht es nun weiter?
Krause: Man muss jetzt noch mal versuchen, intern an einen Tisch zu kommen. ff.
Kommentar
Und immernoch Rapen
Eine Frau fühlt sich sexuell belästigt, bringt das zur Anzeige und wird dafür entlassen. Mit Verlaub: Das ist unfassbar. Und noch mehr: Dass es so nicht geht, diese Einsicht kommt nicht aus Feuerwehr-Kreisen sondern ein Gericht musste dies feststellen.
Was auch immer bei dem Aufnahmeritual in Rapen passiert ist. Es war zumindest dies: Männer haben sich gegenüber einer Frau falsch verhalten, sie haben die Grenze vom Herumalbern zur Belästigung nicht erkannt. Auch das wirft kein gutes Licht auf Teile der Feuerwehr.
Die Verantwortlichen, müssen endlich die Vorgänge klären. Je länger sich die Affäre hinzieht, desto mehr wird das Ansehen der Feuerwehr beschädigt.
Frank Finkensiep
23:15
Schlimm und dann noch ein christlicher Bürgermeister der unfähig ist,
den Gestank um sich zu beseitigen .
22:46
Also ich bin selber bei der Feuerwehr und dies nun auch schon seit einigen Jahren und ich halte diese Art von Ritualen - egal ob Mann oder junge Frau, bzw. dann erst recht - für absolut daneben. Gerade in der heutigen Zeit. Hier ist auch anzumerken, was die Feuerwehr eigentlich für ein ernster Job ist - oder zumindest sein sollte! Wäre ich eine junge Frau, müsste ich mir durchaus überlegen, ob ich bei denen die FF wirklich rufen würde...
Aber wenn ich den Artikel und das Interview des Kreisbrandmeisters lese, denke ich, dass man mit der Umstrukturierung der Führungskräfte auch ganz oben anfangen muss...
10:02
Klar hätte man sowas intern klären können... nur dann währen es sehr wahrscheinlich die Täter, die Anzeige erstattet hätten, wegen Körperverletzung, wenn sie wieder aus dem Krankenhaus heraus gewesen wären....
15:16
Da schauen alle nur zu und haben mächtig Spaß?!
Ich frage mich, was ist eigentlich mit unserer Gesellschaft los, dass das heutzutage toleriert wird, dass alte Männer junge Frauen, fast nackt an Bäume fesseln, ihnen die Beine mit Gewalt spreizen, um ihren Namen in die Innenschenkel zu kritzeln. EIN SKANDAL
Wo sind denn die Ehefrauen dieser (Herren)? Sind die schon so abgestumpft vom Treiben ihrer Männer, dass sie ihnen keinen Einhalt gebieten??
Klar, ist doch alles nur ein Ritual, war doch schon immer so, die soll sich nicht so anstellen die blöde Kuh, höre ich die alten Männer sagen und die, die sich hinter ihnen verstecken. Ich frage mich, ob sie es auch so toll finden würden, wenn die eigene Tochter so gedemütigt worden wäre? Vom Nachbar, vom Chef, von den neuen Kollegen, von den Mitschülern? Wo fängt Spaß an? Ich glaube, das wissen wir alle. Doch wo er aufhört, das wissen leider nur wenige.
Ich zolle dieser jungen Frau meinen Respekt, dass sie diesen Laden hat hochgehen lassen.
19:19
@christian: Sie haben völlig recht - es geht natürlich als Mann auch nicht. Und das Argument: Da musste ich vor 30 Jahren auch durch, ist völlig daneben.
Ich bin auch mal gespannt, ob es weitere Konsequenzen gibt. Wahrschienlich verläuft die Sache mal wieder im Sand - wie so viele Dinge.
19:09
@ Nina.
Ich möchte als Mann auch nicht an einen Baum gebunden und in der Intimzone befummelt werden. Weder von Männern noch von Frauen. Das ist also vollkommen unabhängig vom Geschlecht des Opfers und der Täter.
Selbst mit gesundem Menschenvestand und ohne besondere Fachkenntnisse muß hier jeden Betrachter klar sein, daß das was gewaltig falsch gelaufen ist und daß das nicht mit na ja, passiert halt weil war schon immer so unter den Teppich gekehrt werden kann.
Mich würde auch mal inteessieren, was der Bürgermeister als Dienstherr zu diesem Thema zu sagen hat.
18:08
Ritual hin oder her. Es ist ja wohl ein Unterschied, ob sich ein Mann an den Baum fesseln lässt, oder ein junges Mädchen im BIKINI!
Egal, wie tolerant man dabei sein kann, in der Intimzone einer 20jährigen hat keiner unerlaubt was zu suchen.
Haben die bei der Feuerwehr eigentlich sexuellen Notstand? Erst die Sache mit der Stripperin und jetzt das.
Das bring einen Berufsstand ganz schon in Verruf. Diese Entlassung des Mädchens und deren Angehörigen ist doch nur das verzweifelte Machtgehabe von kleingeistigen Uniformträgern. Die gehören bestraft und nicht zu knapp!
17:59
Solche Rituale sind nicht zeitgemäß und entsprechen in keiner Weise den professionellen Ansprüchen an eine Feuerwehr, egal ob haupt- oder ehrenamtlich.
17:22
Ich bin selbst in Führungsverantwortung in einer Freiwilligen Feuerwehr. Ein solches Verhalten mit antiquierten Aufnahmeritualen ist unzeitgemäß und ist in jedem Fall zu unterbinden. Die Verantwortlichen selbst gehören dienstrechtlich belangt und ihren Ämtern enthoben, da sie offensichtlich nicht in der Lage sind, eine öfentliche Einrichtung die eine Freiwillige Feuerwehr nun einmal darstellt zeitgemäß zu führen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß neuen Mitarbeiter des Rathauses sich keinem solchen entwürdigenden Ritual aussetzen müssen, wenn sie dort ihre Tätigkeit beginnen (und eine Feuerwehr ist nunmal eine kommunale Einrichtung wie der Bauhof, das Rathaus, die Bücherei und kein Hasenzüchterverein).
Auch der Kreisbrandmeister ist offensichtlich nicht ganz auf der Höhe dessen, was man heute unter Personalführung auch in einer ehrenamtlichen Einrichtung so versteht. Solche Rituale sind in anderen Bereichn (Militär, Stundentenverbindungen in Frankreich) teilweise so weit ausgeartet, daß Guantanamo dagegen ein Sanatorium gleicht und es auch schon zu bleibenden körperlichen Schäden und Todesfällen kam. Und auch dort hat sich keiner der Kandidaten beschwert. Bei wem denn auch, wenn der, der es als Aufsichtsbeamter zu verhindern hätte das auch noch gut findet? Es ist seine Aufgabe als Aufsichtsbeamter solche Exzesse zu verhindern und die Führungskräfte in den Wehren die das durchführen, zulassen oder gut heißen in Zusammenarbeit mit den Kommunen aus ihren Funktionen zu entfernen.
In einer Einrichtung die solche Rituale pflegt wollte ich nicht Mitglied sein.