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Flucht in die Freiheit

02.10.2009 | 17:19 Uhr
Flucht in die Freiheit

Im Oktober 1989 verlässt Franka Bodin die ehemalige DDR. Kurz darauf lernte sie in Marl ihren Mann Michael kennen . . .

Recklinghausen. Deutsche Einheit? Wenn man so will, haben Franka und Michael Bodin sie nicht nur auf politischer Ebene miterlebt, sondern auch im Privaten vollzogen. Sie wuchs auf in der ehemaligen DDR, er ist seit jeher in der Bundesrepublik zu Hause. Heute lebt das Ost-West-Paar mit den vier gemeinsamen Kindern im Westviertel von Recklinghausen. Deutsche Einheit? Die Wende kam für die heute 42-Jährigen damals völlig überraschend . . .

Gerade einmal ein Monat ist vergangen, seit Franka Bodin aus der DDR in die Bundesrepublik ausgereist ist, da fällt am 9. November 1989 im zweigeteilten Berlin die Mauer. Mit einem befristeten Besuchsvisum – bei den DDR-Behörden mit dem Bluff beantragt, dem Onkel in Ungarn bei der Weinlese helfen zu wollen – war die Magdeburgerin am 3. Oktober 1989 von Leipzig über Budapest zu Verwandten nach Marl geflohen.

Info
Nationalfeiertag

Feuerwerke zur Feier

Am 3. Oktober 1990, null Uhr, wurde vor dem Reichstagsgebäude in Berlin das wiedervereinigte Deutschland pro-

klamiert, der Akt wurde vieler-orts mit Feuerwerken gefeiert. Laut Einigungsvertrag ist der „Tag der Deutschen Einheit” seit 1990 Nationalfeiertag.

Flucht, dachte sie damals, wäre die einzige Chance, jemals „raus” zu kommen aus einem Staat, in dem sie überall nur Grenzen und Gängelungen verspürte, in dem sie als aktive Katholikin ohne Parteibuch nicht studieren durfte (das holt sie erst im Westen nach). Und in dem die damalige Krankenschwester dauernd das Gefühl hatte, bespitzelt zu werden. „Ich wollte”, sagt Franka Bodin rückblickend, „nicht mehr länger eingesperrt sein in diesen Unrechtsstaat.”

Unrechtsstaat: Als solchen bezeichnet auch Michael Bodin den SED-Staat, von dem er sich als Jugendlicher bei jährlichen Kurzreisen nachhaltige Eindrücke verschafft hatte. Und bei denen er eine staatliche Kontrolle des Einzelnen erlebte, „die man als Westdeutscher so nicht kannte”.

Es ist noch im Oktober 1989, da lernt sich das Ost-West-Paar über Franka Bodins bereits einige Wochen vor ihr in den Westen geflohenen Freundin, seiner langjährigen Briefbekanntschaft, in Marl kennen. Den Fall der Mauer erleben sie und Michael bereits gemeinsam – vorm Fernseher. Zum Geburtstag ihres Vaters im Januar 1990 dann fahren beide erstmals zusammen in ihre Heimatstadt Magdeburg. Die deutsche Einheit? Wird zunehmend (be)greifbar.

Angst vor einem Spitzel

Und sie weckt Erwartungen – bei ihren Verwandten im Osten, die nicht verstehen, dass Franka Bodin bleiben möchte. Im Westen. „Warum machst Du das? Wir bauen doch hier jetzt etwas auf!” fragen sie die Mutter und Freunde im Osten.

Doch Franka Bodin merkt: Sie braucht Abstand. Räumlich. Gedanklich?

Die 42-Jährige gibt die Antwort darauf nicht direkt. Erzählt einem stattdessen, dass ihre Mutter in Magdeburg, die die Bodins alle drei Monate besuchen, sich bis heute nicht getraut habe, ihre Stasiakten einzusehen. „Aus Angst, sie enttarne einen netten Nachbarn womöglich als Spitzel.” Sagt sodann, dass sie in ihrer Akte „zum Glück nur den Ausreiseantrag gefunden” habe. Und dass Magdeburg für sie heute „keine Heimat mehr ist, aber ein Teil meines Lebens”.

Von Ost nach West: Anders als in ihrem Umfeld gerade in der ersten Zeit nach der Wende seien all' die Vorurteile gegenüber dem jeweils anderen deutschen Staat zwischen ihnen privat „nie wirklich ein Thema gewesen” gewesen, erklären die Bodins. Was auch daran liegen mag, dass sie in der DDR, er in der BRD, beide weniger von Parteien als vielmehr durch die katholische Jugendarbeit geprägt wurden.

Doch nicht zuletzt wohl auch aufgrund ihrer Ost-Wurzeln verfolgen sie politische Entwicklungen im wiedervereinigten Deutschland bis heute mit einer „besonders erhöhten Sensibilität”. Und bisweilen sogar mit einer gewissen Sorge: So etwa finden Franka wie Michael Bodin den gewachsenen Anteil der Nichtwähler höchst bedauerlich. „Man sollte”, betonen beide, „Freiheit und Demokratie doch zu schätzen wissen.”

Ein Blick zurück genügt.

Sabine Kruse

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