„Fenster öffnen“ für die Kunst
09.12.2011 | 13:56 Uhr 2011-12-09T13:56:00+0100
Recklinghausen / Crange. Danuta Karsten entwirft raumfüllende Werke im Ideal eines Atelierhauses: unterm Dach der Künstlerzeche „Unser Fritz“.
„Viele Jahre“, erzählt Danuta Karsten, hat sie sich als Vorsitzende des Vestischen Künstlerbundes bemüht, „in Recklinghausen ein Atelierhaus aufzubauen“. Für ihre eigene Kunst hat sie es gefunden: in der traditionsreichen Künstlerzeche „Unser Fritz“.
Das Ideal eines Künstlerhauses steht im stillen Winkel zwischen Rhein-Herne-Kanal und dem Drei-Städte-Eck von Herne, Herten und Gelsenkirchen: mustergültig restauriert, mit Ausstellungsräumen und einem Dutzend Ateliers. „Die Gnade ist, dass ich hier einen leeren, ruhigen Raum habe“, sagt die 48-Jährige. Hier kann sie „überlegen, zeichnen, tüfteln“. Ihr älteres Atelier an der Recklinghäuser Düppelstraße, nahe dem Neumarkt, wandelte sich längst zum Lagerraum. „Da ist es voll.“
Eine schlichte Definition von Installations-Kunst sagt: Im Depot sind es nur Gegenstände – Fäden, Karton, Papier – die erst „installiert“ als Kunst ihren Zauber verbreiten. Danuta Karsten nennt ihre Ausstellungs-Räume sogar „meine Ateliers“. Der luftige Doppel-Raum unter der Dachschräge von Unser Fritz – „weiße Wände und ein Wahnsinns-Licht“, schwärmt die Künstlerin – enttäuscht in seiner skandinavisch wirkenden Aufgeräumtheit alle Erwartungen an kreatives Chaos. Noch während Danuta Karsten die Heizung anstellt, sagt sie lachend: „Bei den Tagen der offenen Ateliers denken viele: Hat sie schon, wird sie noch?“
Ihr Modell eines Kirchenschiffs aus Karton und Fäden illustriert beispielhaft, was ihre Kunst von großer Raumwirkung und aus oft fragilen Materialien ausmacht. „Sehr dunkel“ habe die Thomaskirche in Espelkamp auf sie gewirkt. Danuta Karsten verspannte, mit Hilfe von schwindelfreien Assistenten, 20 Kilometer Kunststoffband in der Höhe des Sakralbaus. „Ich wollte Licht in die dunkle Kirche führen.“
Auch die Umkehrung dieser Gleichung gilt: Ihre fragilen Installationen sind auf das Tageslicht angewiesen. Die eisig kalte Schwarzkaue des Weltkulturerbes Zollverein füllte Danuta Karsten zum Auftakt des Kulturhauptstadtjahres mit Stalagmiten, spitzen Kegeln aus „frostig“ schimmernder Baufolie. „Ohne Tageslicht war der Zauber vorbei.“
So feinfühlig sie auf die unterschiedlichsten Raum-Situationen eingeht: „Das wichtigste ist die Zeichnung.“ Wie sich der Entwurf auf dem Blatt „materialisiert“, das können Kunst- oder Natur-Stoffe sein, Fäden oder Holz. Für die Kulturhauptstadt habe sie 2010 einige „neue Bühnen“ betreten, meint Danuta Karsten rückblickend. Für die großen tischartigen Plattformen ihrer Arbeit „Über Wasser gehen“ hatten Skeptiker ihr vorausgesagt: „Das überlebt kaum die Eröffnungswoche.“ Ein abgelegenes Natur-Idyll am Körne-Bach in Dortmund: freigegeben für Vandalismus? Alles blieb heil. „Eine Hauptschule übernahm die Patenschaft“, erzählt die Künstlerin, die selbst am Marie-Curie-Gymnasium im Recklinghäuser Nordviertel unterrichtet.
Ihren Kunst-Unterricht seit nun sechs Jahren, sagt die pädagogische Seiteneinsteigerin, „definiere ich aus meiner Leidenschaft für die Kunst“. Fast noch wichtiger war ihr die jahrelange Arbeit für die Menuhin-Stiftung im Recklinghäuser Süden: „Der Einblick in den sozialen Brennpunkt tut schon fast weh.“ Sie hofft – jedenfalls bis zum Ende der Stiftung – „den Kindern ein Fenster geöffnet zu haben“.
Diesen Elan befeuern nicht nur „der Mut und die Ausdauer“ ihrer Schülerschaft in Nord und Süd. Danuta Karsten erinnert sich auch an den „guten Kunstlehrer in meinem kleinen Dorf in Polen“: Hätte er sich nicht dafür eingesetzt, dass sich seine Schülerin an einem Kunstgymnasium in Danzig einschreiben kann – „ich hätte sonst nie bei Günther Uecker studiert.“
Manche ihrer Werke spiegeln den Fluss seiner wie Halme im Wind wogenden Nagel-Felder – etwa die 500 Bleistifte für den Preis des Vestischen Künstlerbundes 2008: die Zeichnung als Skulptur.
0mitdiskutieren