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Regenerative Energie

Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz

29.12.2009 | 17:55 Uhr
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz

Marl. Im nächsten Jahr wird im Interkommunalen Industriepark Dorsten/Marl eine Biogas-Großanlage gebaut. Zu zwei Dritteln soll die Anlage mit Maissilage betrieben werden; Gülle und Hühnerkot (zusammen etwa 30 %) und Energiegetreide kommen hinzu.

Mit Hilfe der Sonnenenergie bauen die Maispflanzen Biomasse auf, die wir zur Energiegewinnung nutzen. Keine fossilen Brennstoffe werden benötigt. Das Kohlendioxid, das freigesetzt wird, wurde vorher durch die Pflanzen der Atmosphäre entnommen. Gülle, die sowieso anfällt, kann sinnvoll genutzt werden. Hört sich doch alles gut an. Alles klimaneutral und ein entscheidender Beitrag zum Klimaschutz?

Regenerative Energien

„Biogasanlagen sind grundsätzlich positiv einzustufen”, meint Herrmann Kottmann von der Biologischen Station im Kreis Recklinghausen, „wir brauchen die Entwicklung solcher Anlagen zur Gewinnung regenerativer Energien.” Die Probleme lägen jedoch im Detail. So entstehen bei einer Anlage, wie sie hier geplant ist, stickstoffhaltige Gärrückstände. Werden diese auf den Äckern, wo der verwendete Mais herstammt, zur Düngung wieder aufgebracht, bleibt der Stoffkreislauf erhalten. Landen allerdings Gärrückstände von landwirtschaftlichen Produkten aus anderen Regionen, zum Beispiel Ostwestfalen, auf unseren Äckern, weil der Rücktransport zu aufwändig ist, könnte dies hier zu einer Überdüngung mit all ihren Problemen führen.

Wertvoller Hühnerkot: Die Hinterlassenschaften des Geflügels werden mit Biogasanlagen in Energie umgewandelt. Doch hohe Gewinne bringt erst die Beimischung von Maissilage. Foto: Wolfgang Quickels

„Zusätzliche Flächen für weiteren Maisanbau sind im Vest nicht vorhanden”, erklärt Kottmann. „Veredelungsbetriebe brauchen die vorhandenen Äcker, um Futter für ihr Vieh anzubauen. Außerdem verhindert eine EU-Richtlinie, dass der Grünlandanteil an der Gesamtfläche abnimmt.”

Dr. Jörg Meinecke vom Naturschutzbund Dorsten rechnet sehr wohl damit, dass einige Flächen dem Naturschutz infolge des Anbaus von Energiepflanzen verloren gehen. „So zum Beispiel in der Lippeaue, ein großes Naturschutzgebiet, wo meist gilt: Nutzung wie bisher darf weitergeführt werden. Unabhängig davon wurde über den Vertragsnaturschutz für einige Bereiche geregelt, dass die Landwirte hier ihre Flächen im Sinne des Naturschutzes bewirtschaften”, erklärt Meinecke. „Diese Verträge können die Landwirte nach einer gewissen Zeit kündigen und ihr Land wie zuvor nutzen. Das kann unter Umständen auch der Anbau von Energiepflanzen wie Mais sein.”

Ohne zusätzliche Fördertöpfe ist Naturschutz begrenzt

Den Landwirten könne das keiner verdenken, wenn diese Landnutzung mehr Geld einbringe als der Vertragsnaturschutz. Bestünde die Möglichkeit für die Landwirte nicht, käme dieses einer Enteignung gleich, was auch nicht in Ordnung wäre. „So haben wir hier zwar ein großflächiges Naturschutzgebiet, aber ohne zusätzliche Fördertöpfe sind die Möglichkeiten des Naturschutzes doch begrenzt”, so Meineckes Fazit.

Meinecke sieht die Gefahr weiterer Soja-Importe, wenn hiesige Futtermittel zugunsten der Energieerzeugung wegfallen. Vermehrter Soja-Anbau in der sogenannten Dritten Welt ginge mit zusätzlicher Tropenwaldabholzung einher, was wiederum den Klimawandel verstärken würde. Die Folge wäre also genau das Gegenteil von dem, was mit einer Biogasanlage ursprünglich erreicht werden sollte.

„Eine Frage, die zurzeit gar nicht mehr diskutiert wird”, gibt Herrmann Kottmann zu bedenken, „ist die, ob wir überhaupt als Lebensmittel geeignete Produkte zur Energiegewinnung nutzen dürfen, vor dem Hintergrund, dass anderswo Menschen hungern? Die ursprüngliche Idee war, Gülle zur Energiegewinnung zu nutzen. Die Reste werden auf den Äckern aufgebracht. Der Stoffkreislauf bleibt erhalten, es wird nicht eingegriffen sondern nur ein Schritt dazwischen geschaltet.” Allerdings sei der Wirkungsgrad solcher Anlagen viel geringer. „Mit der Beimischung von Maissilage kann der Betreiber einer Biogasanlage viel höhere Gewinne erwirtschaften."

  • Standorte für regenerative Energie: Die in Marl/Dorsten projektierte Biogas-Großanlage ist längst nicht der einzige Versuch, im „Energie-Kreis” Recklinghausen regenerative, zukunftsträchtige Energieproduktion zu realisieren. An mehreren Standorten drehen sich Windräder, Photovoltaik-Anlagen, die Strom aus Sonnenlicht ernten, sind ebenfalls keine Seltenheit mehr. In Recklinghausen-Suderwich gewinnt ein Kraftwerk Strom und Fernwärme aus Altholz. In Dorsten ist eine Anlage geplant, die Grünabfälle, wie sie im städtischen Bereich anfallen, vergast. Herten hat gerade ein Wasserstoffzentrum gebaut.

Barbara Prolingheuer

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Kommentare
31.12.2009
15:31
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz
von betroffener2222 | #8

@4 Statt Polemik wären mir Fakten lieber gewesen. Natürlich bbenötigen wir Energie - und seien wir ehrlich um einen Mix aus Atom-Kohle-Regenerative werden wir in den nächsten Jahrzehenten noch nicht herumkommen. Doch derartige Großanlagen (Kritik an DerWesten: Auf Kommentare sollte eingegangen werden, in diesem Fall sollten die Fakten nachgeliefert werden) verzehren gigenatische Ackerflächen. Die Gleichung ist dann einfach: Ackerfläche rar - Preis dafür setigt - damit steigt auch der Preis der landwirtschaftlichen Produkte - sprich der Yoghurt im Supermarkt wird teurer.

30.12.2009
22:41
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz
von hateaufgruen | #7

... - richtig wäre eher: Naturschutz auf Kosten von Energie(-pflanzen) und zum Nachteil Aller!

30.12.2009
20:55
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz
von merker | #6

@kuba4711, @kottmann: Leider mal wieder zu kurz und zu eng gedacht! Kreislauf allein macht nicht alles gut und es geht auch nicht nur um das Naturschutzgebiet: Der für solche Projekte notwendige großflächige Energiemaisanbau (jeden Tag werden ca. 5 ha Mais für die Großanlage benötigt) macht die Landschaft auch außerhalb des Naturschutzgebiets zur ökologischen Monokulturwüste mit verstärktem Biocideinsatz. Da haben wir dann doch ökologisch richtig was gewonnen...

29.12.2009
17:07
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz
von kuba4711 | #5

Grosskraftanlagen sind hier kritisiert worden.
Ohne ,dass im Artikel genau definiert ist was in diesem Fall das Wort groß konkret bedeutet.
Anlagen integriert in einen nachhaltigen Stoffkreislauf sind ökologisch unbedenklich!

29.12.2009
15:43
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz
von mannidoof | #4

Fazit: Keine Biogasanlagen mehr bauen, keine Solarenergie gewinnen (wegen der hohen Subventionen), keine neuen Kohlekraftwerke mehr bauen und dazu noch der Atomausstieg. Achja, auch keine Gaskraftwerke mehr bauen, um die Abhängigkeit von Russland nicht zu erhöhen. Und Windenergie soll auch nicht weiter ausgebaut werden, da die Landschaft nicht verspargelt werden soll...

Mein Strom kommt aus der Steckdose :-)

29.12.2009
12:52
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz
von hertie | #3

Hauptsache BIO alles andere muß sich unterordnen!

29.12.2009
09:11
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz
von betroffener2222 | #2

Ackerland wird seit Jahren in den Regionen des nördlichen Ruhrgebiets knapper - eine Nachfrage bei der Landwirtschaftskammer in Münster bestätigt dieses. Um eine derartige Biogasanlage zu betreiben, müsste der Mais entweder etagenweise angebaut werden, weil die Flächen bei weitem nicht ausreichen, oder weitere Transportwege müssten in Kauf genommen werden. Damit würde der ökologische Grundgedanke konterkariert.

Wird so dem Bauern geholfen, der seit Jahrhunderten in der x-Generation seinen Hof betreibt und in hoher Qualität Lebensmittel erzeugt?

Biogasanlagen in dieser Größenordnung ( Was heißt Biogas-Großanlage konkret?) machen ökologisch und gesamtwirtschaftlich keinen Sinn. Lediglich der Betreiber profitiert.

28.12.2009
19:49
Energiepflanzen mitunter auf Kosten von Naturschutz
von Claudia Baitinger | #1

„Mit der Beimischung von Maissilage kann der Betreiber einer Biogasanlage viel höhere Gewinne erwirtschaften. ... und die Preise von Futtermais gnadenlos in die Höhe treiben, was zu weiterem ruinösen Wettbewerb und zu weiterem Höfesterben zugunsten der Agroindustrie führt!
Claudia Baitinger, BUND Dorsten

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