Ein Paradies
03.08.2010 | 14:04 Uhr 2010-08-03T14:04:00+0200
Recklinghausen.Ein kleines Kunstwerk hat sie da gezaubert. Für den Nachtisch zum Mittagessen in ihrer Wohngemeinschaft dachte sich die 62-jährige Hildegard Saße einen feinen Nachtisch aus: Vanille-Pudding mit Früchten garniert.
Zusammen mit neun anderen Mitbewohnerinnen im Alter bis zu 92 Jahren wird sie gleich zu Mittag essen. Der Tisch im hellen Esszimmer ist mit roten Servietten gedeckt und ein frisch zubereiteter Kichererbsen-Gemüseeintopf köchelt auf dem Herd vor sich hin. Im Hintergrund läuft klassische Musik.
Statt Studenten wohnen in der Recklinghäuser WG unter Demenz leidende Seniorinnen zusammen. Sie teilen sich alles, bis auf ihr eigenes Zimmer. Ein wenig Glück haben die zehn Damen schon - statt Altenheim-Luft zu schnuppern, genießen sie das Privileg eines alternativen Wohnmodells. „Allein wohnen ist nichts für mich“, weiß Hildegard Saße. „Das hier ist das Beste, was mir hätte passieren können.“
Wie funktioniert das Ganze? Die Seniorinnen müssen rund um die Uhr betreut werden, anders geht es nicht. Dafür gibt es Rundum-Pfleger: Mitarbeiter des Diakonischen Werkes, die sich 24 Stunden um die älteren Damen kümmern. Da auch Angehörige und Ehrenamtliche mithelfen und mitorganisieren, sind oft vier Betreuer für zehn Mieterinnen da. Paradiesische Zustände. „Wir haben hier eine unglaublich familiäre Atmosphäre“, findet Barbara Strotmann, die Tochter der Mieterin Erika Pelz. Mieterinnen, Angehörige und Pfleger kochen zusammen, machen Ausflüge, pflegen den Kräutergarten und Vieles mehr. Ein Programm wie im Altenheim gibt es nicht. „Unser Programm ist das Leben“, erklärt Barbara Strotmann.
Auch die Interessen der Mieterinnen und die weitestgehende Selbstständigkeit ist gewährleistet. „Für dieses Modell gelten strenge Auflagen“, erklärt Jutta Kotzur, die Pflegedienstleitung des Diakonischen Werks in Recklinghausen. „Es muss eine unabhängige Person geben, die die Interessen der Mieterinnen uns gegenüber vertritt.“ Nicht mehr als zwölf Mieterinnen dürften zusammen wohnen, weil die WG andernfalls unter das Wohn- und Teilhabegesetz für Altenheime fallen würde, bei dem beispielsweise strengere Lebensmittelauflagen und besondere Baumaßnahmen eingehalten werden müssen. So aber sind die Mieterinnen Kundinnen und können jederzeit den Pflegedienst wechseln. Was ihnen derzeit aber keinesfalls in den Sinn kommt. „Wir fühlen uns hier richtig wohl.“ Hildegard Saße spricht für sich und ihre Mitbewohnerinnen. Voller Stolz führt sie ihr mit persönlichen Gegenständen vollgepacktes Zimmer vor. Hier ein Album aus ihrer früheren Zeit als Lehrerin, dort ein Bild von Bekannten oder Verwandten.
Eine Kehrseite der Medaille gibt es dennoch. Bei der Senioren-WG in Recklinghausen handelt es sich um ein Modellprojekt. Das Diakonische Werk arbeitet dafür mit dem Kreis Recklinghausen zusammen – im Normalfall sei eine WG mit Rundumbetreuung nahezu unbezahlbar. So aber sei es genauso teuer oder sogar günstiger als ein Platz im Altenpflegeheim. Weniger Gewinn macht das Diakonische Werk als Träger der Mietwohnung mit diesem Projekt allemal als mit regulären Pflegeformen, weswegen es die Ausnahme bleibt.
Eine Senioren-WG allgemein stellt jedoch in jedem Fall eine Alternative zu „normalem“ betreutem Wohnen dar, gerade für ältere Menschen mit geringerem Pflegebedarf. Für die Senioren-WG in Recklinghausen sind die Wartelisten außerordentlich lang. Da gilt es, sich frühestmöglich einen Platz zu sichern. Die Pfleger des Diakonischen Werkes haben ihn schon lange beantragt.
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