Das aktuelle Wetter Unser Vest 20°C
Schnürsenkelprozess

„Ein Liedchen haben wir nicht geträllert“

10.07.2012 | 18:33 Uhr
„Ein Liedchen haben wir nicht geträllert“
Die beiden vernehmenden Polizeibeamten wurden im Schnürsenkel-Prozess am Dienstag befragt. Sie hatten den angeklagten Jobs S. am Abend nach der Tat festgenommen.

Bochum/Recklinghausen. Verhielten sich die Polizeibeamten bei der Vernehmung von Jobst S. (66) vorschriftsmäßig? Diese Frage stand gestern im Zentrum des achten Verhandlungstages im sogenannten „Schnürsenkelprozess“.

Eine Seniorin aus Recklinghausen war im September 2011 in ihrer Wohnung von dem ehemaligen Bankangestellten und Rentner Jobst S. mit Schnürsenkeln hinterrücks erdrosselt worden. Die 84-Jährige hatte ihm 800 Euro geliehen. Eine Summe, die er aber nicht zurückzahlen konnte, „weil es zu Hause eng war“. Der Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft lautet auf „Mord mit heimtückischer Absicht“. Die Verteidigung sieht in der Tat eine Affekthandlung. Das Opfer habe den Angeklagten beschimpft und gedemütigt.

Der Angeklagte hatte im Prozessverlauf eine ganze Liste von Vorwürfen gegen die Beamten des Polizeikommissariats Recklinghausen vorgetragen. Man habe ihn, einen bis dato unbescholtenen Mann, in Handfesseln zu Hause abgeführt. Weil er keinen Anwalt kannte, habe ihm die Polizei bei der Vernehmung keine Rechtsvertretung zur Seite gestellt. Die chronologische Abfolge eines Teils des Vernehmungsprotokolls stimme nicht. Es habe keine Pause gegeben. Und: Nach der vierstündigen Vernehmung sei er physisch und psychisch nicht mehr in der Lage gewesen sei, das Protokoll beim Durchlesen zu verstehen.

Zwei vernehmende Beamte traten gestern in den Zeugenstand. Der Protokollführer konnte sich an viele Details aus der Vernehmung im September 2011 nicht mehr erinnern. „Hatten Sie den Eindruck, dass der Angeklagte während der Vernehmung frisch und munter war?“, fragte der Vorsitzende Richter Hans-Joachim Mankel den Beamten. Antwort: „Ein Liedchen haben wir nicht geträllert.“

Mehr Licht in die Vernehmungssituation brachte die Beamtin, die den zweiten Teil des Verhörs bestritt, in dem der Angeklagte „völlig überraschend“ ein Geständnis ablegte. Das sei aus freien Stücken heraus geschehen. „Der Angeklagte hat in der Vernehmung nie Klage geführt, dass er eine Pause braucht“, so die Kommissarin gestern. Jobst S. habe vielmehr detailliert den Tathergang geschildert, unter anderem auch, dass er mit der Begründung „zur Toilette zu müssen“, aufgestanden, hinter das Opfer getreten und es dann erdrosselt zu haben. Angeblich, so der Angeklagte, habe er das nie so gesagt. „Warum“, so gestern die Beamtin, „sollte ich diese Formulierung erfinden? Meine Aufgabe ist es, die Wahrheit herauszufinden und nicht zu manipulieren.“ Auf dieser Aussage basiert der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, der Angeklagte sei „heimtückisch“ vorgegangen, als er die Frau hinterrücks erdrosselte.

Irene Stock


Kommentare
Aus dem Ressort
Mann erbeutet Hunderte Schmuckstücke - Polizei sucht Opfer
Diebstahl
Mehr als 300 Schmuckstücke hat ein 51-jähriger Gelsenkirchener bei Wohnungseinbrüchen gestohlen. Neben Ketten, Ringen und Armbanduhren ließ der Mann auch Kameras und Werkzeuge mitgehen. Das Diebesgut stammt wohl aus Gelsenkirchen und aus Nachbarstädten. Die Polizei sucht nun nach den Geschädigten.
Fleischwolf trennte Supermarkt-Angestellter die Hand ab
Unfall
Schlimmer Zwischenfall in einem türkischen Supermarkt an der Bahnhofstraße in Marl. Mittwochvormittag geriet eine Angestellte mit der Hand in einen Fleischwolf. Die Hand wurde dabei abgetrennt. Erst die Feuerwehr konnte die schwer verletzte Frau befreien.
Fußball-WM - Ruhrgebiet bereitet sich auf Public Viewing vor
Rudelgucken
Essener und Gladbecker feiern in Hallen, Bochumer und Recklinghäuser draußen. Die meisten Großveranstaltungen zur Fußball-WM sind nun angemeldet. Beim Lärmschutz gibt es kaum Probleme. Jugendliche brauchen allerdings bei Spielen mit Anpfiff um 21 Uhr eine Begleitperson. Ein Public Viewing-Überblick.
Vestische investiert 5 Millionen Euro in klimaschonende Busse
Nahverkehr
Fünf Millionen Euro hat das Verkehrsunternehmen für 20 neue Linienbusse im Dienst der „grünen Flotte“ ausgegeben. Die neuen Fahrzeuge, die auch in Gladbeck eingesetzt werden, zeichnen sich durch weniger Verbrauch und geringeren Schadstoffausstoß aus
Grimme-Preisträger gehen auf Tuchfühlung mit den Fans
Grimme-Preis
Der Grimme-Preis ist 50 Jahre alt geworden und hat seit 1964 mehr als 500 Auszeichnungen vergeben. Zur Geburtstagsgala sind zwölf hinzugekommen. Künstler Günther Uecker hat zum Jubiläum ein Medienobjekt gestaltet. Auch Bundespräsident Gauck kam nach Marl.
Fotos und Videos
Haltern aus der Luft
Bildgalerie
von oben
Sprengung des Förderturms Herten
Bildgalerie
Sprengung
Die Wildpferde sind los
Video
Naturspektakel
Installationen von Young-Jae Lee
Bildgalerie
Schiffshebewerk