Dynamisch, brutal
15.09.2008 | 09:10 Uhr 2008-09-15T09:10:00+0200Die rechte Szene in Marl wird zunehmend von den sogenannten Autonomen Nationalisten beherrscht.
Von Katharina Müllerredaktion.vest@waz.de02361 9370-0
Marl. Schon mal einen Neonazi im Che-Guevara-Shirt gesehen? Oder einen, der die USA-Flagge verbrennt und sich lauthals über den Kapitalismus beschwert? Die Szene der Autonomen Nationalisten (AN) ist für Laien verwirrend. Symbole und Parolen, die traditionell der extremen Linken zugeordnet werden, paaren sich plötzlich mit rechter Ideologie, das Ergebnis ist eine extrem flexible, extrem gewaltbereite Jugendbewegung, deren Anhänger auch in Marl ihr Unwesen treiben.
Der Sozialpädagoge Jan Raabe beobachtet die Szene seit langem. Der 41-jährige hat zahlreiche Bücher zum Thema Rechtsradikalimus mit verfasst, im HoT Hagenbusch erklärt er die neuen Nazis: „Meiner Meinung nach werden die Autonomen Nationalisten bisher viel zu wenig beachtet. Der Verfassungsschutz scheint das für eine Art Randerscheinung zu halten.” Laut Raabe eine fatale Einschätzung, denn: „Hier in Marl beispielsweise sind die AN die treibende Kraft der Neonazi-Szene.”
Sie machen Musik, gehen sprayen, geben sich modern und fühlen sich wohl in der Rolle militanter Kämpfer, die für ihre Ideale bereit sind, alles zu geben. Auch wenn hinter jenen wohl propagierten Zielen kaum mehr als leere Worthülsen stecken. „Das ist alles nicht so recht durchdacht”, weiß Raabe. „Viele Parolen, viele Schlagwörter, aber im Prinzip herrscht inhaltliche Leere. Gefährlich ist die Radikalisierung.”
Die AN mögen Che Guevara, weil der angeblich als Befreier seines Vaterlandes auftrat, sie mögen Amerika nicht, weil sie eine Vermischung der Kulturen befürchten, sie inszenieren sich als Revolutionäre gegen das korrupte System. „Auch rein äußerlich sind die Skinheads mit Bomberjacke und Springerstiefeln das Auslaufmodell”, erklärt der Experte. Der neue Nazi gefällt sich im schwarzen Kapuzenpulli, gerne auch mit Palästinenser-Tuch, denn Antisemitismus ist nach wie vor Thema.
Neue Erscheinungsformen, alte Inhalte, das Ergebnis ist eine schwer zu fassende Szene, die lose organisiert spontan zuschlägt. Auch in Marl. „Schwer zu sagen, wie groß die AN Marl ist. Bei Aufmärschen in NRW ist aber immer ein Marler Transparent dabei”, erzählt Jan Raabe. „Eine Gruppe, die mit so einer Kontinuität auftritt, muss in irgendeiner Weise gefestigt sein.”
Die Alternative Kulturinitiative Pro Hagenbusch e.V. organisiert regelmäßig Veranstaltungen im HoT Hagenbusch. Den Marler AN ist der Verein ein Dorn im Auge, immer wieder kommt es zu Zusammenstößen. „Unsere Jugendlichen sind verunsichert, gehen heim, bevor es dunkel wird oder bewegen sich nur in großen Gruppen”, erzählt einer der Veranstalter.
Er möchte nicht namentlich genannt werden. „Wir haben das Gefühl, die Problematik wird von offizieller Seite herunter gespielt. Die Polizei scheint das als Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Jugendgruppen zu sehen, aber die Gewalt geht nicht von uns aus.”
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