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Podiumsdiskussion

„Die Systemfrage muss gestellt werden“

20.06.2012 | 17:11 Uhr
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„Die Systemfrage muss gestellt werden“
Auf großes Interesse stieß die Podiumsdiskussion an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen.

Recklinghausen. Brüssel ist für die Bürger schon weit weg wenn es um abstrakte europäische Sparbeschlüsse geht. Bis dahin, wo die Maßnahmen der Europäischen Union wirken sollen - in Athen - sind es schon mehr als 1000 Kilometer Distanz vom Vest aus. Und doch beginnt die Ökonomie im Kleinen beim uns. Die Kapitalismuskritiker von Attac haben zusammen mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Westfälschen Hochschule hochkarätige Ökonomen auf den Campus am Fritzberg zur Diskussion eingeladen. „Die Hochschulen stehen in der Tradition als Denkfabriken“, sagt der AStA-Vorsitzende Michael Puchala und ist froh, dass mehr als 250 Besucher gekommen sind.

Leichte Kost gab es nicht. Denn die drei Gäste waren gekommen, um über den Weg aus der Krise zu sprechen – und zwar wissenschaftlich. Aus Sicht von Prof. Aus Sicht von Dr. Ulrich van Suntum, der oft mit der Schuldenstopp-Politik der Bundeskanzlerin übereinstimmt, sind gerade die Schulden das Problem. Denn die Zinsen, die dafür gezahlt werden müssen, erdrücken den Staat. „Ich kann die griechische Bevölkerung gut verstehen, da jetzt klar wird, dass das Sozialprodukt sofort weg ist“, sagt er und spielt auf die Zinszahlungen an. Doch gut geht es nach Meinung des Professors aus Münster nur solange, wie die Geldgeber auch darauf vertrauen können, dass sie ihr Geld zurück bekommen.

Für den Recklinghäuser BWL-Professor Dr. Heinz-Josef Bontrup geht die Ansicht längst nicht weit genug. „Vom Vermögen wird nie gesprochen“, sagt der gebürtige Halterner und beschreibt eine Eigenschaft der Schuldenkrise, wie sie in der Öffentlichkeit nur selten dargestellt werde. Das Geld sei da, es ist nur falsch verteilt und das sei ein Problem, das bei den Stadtfinanzen beginnt und sich bis in den Welthandel fortsetzt. Doch an die Wurzeln des Übels möchten Politik und Wirtschaft nicht heran.

„Was uns die Massenarbeitslosigkeit kostet, davon redet keiner“, sagt der Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik. Für Erstaunen sorgt er mit einer offiziellen Zahl. 60 Milliarden Euro koste die Arbeitslosigkeit Deutschland allein in einem Jahr. Die öffentlichen Haushalte dürften sich nicht mit Schuldenstopps selbst ausbremsen und der Staat müsse da nach Geld suchen wo es ist, sagt er. „Es ist Jahre von unten nach oben umverteilt worden und das lässt sich belegen“, so Prof. Bontrup, der sich für Besinnung im Umgang mit dem Staat wünscht.

Sorgen um diesen Staat macht sich auch der Berliner Professor Dr. Elmar Altvater. Seine Position lautet: „Der Finanzsektor ist innovativer als die Automobilindustrie, aber nur wenn es um das Absahnen geht.“ Wie lange es so weiter gehen soll, das kann der Attac-Sympathisant nicht sagen. Aber er ist überzeugt: „Die Systemfrage muss gestellt werden“ – ohne allerdings die Soziale Marktwirtschaft abschaffen zu wollen. Das Regime der Radikalen, so seine Mahnung, sei aus einer Wirtschaftskrise erwachsen.

Björn Jadzinski

Kommentare
21.06.2012
13:34
„Die Systemfrage muss gestellt werden“
von submarcos | #1

Wie kann man denn die Systemfrage stellen, ohne die Soziale Marktwirtschaft, oder etwas deutlicher gesagt, den Kapitalismus, abschaffen zu wollen?
Das hier über Altvater geschriebene wird ihm nicht gerecht.
Mit dem Regime der Radikalen ist der Faschismus gemeint, der durch eine der immanenten Krisen des Kapitalismus aufsteigen konnte. Was er sicherlich nicht meinte, ist, dass nicht über eine Alternative der herrschenden Ordnung nachgedacht werden darf. Auf die bestehenden Machtverhältnisse und Interessensgegensätze in dieser Ordnung hat er ja sehr schön hingewiesen.

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