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Die Normalität im Besonderen

14.09.2012 | 17:54 Uhr
Die Normalität im Besonderen
In der Lehrwerkstatt des Bergwerks Auguste Victoria: Yunus Camlibel (20. l.) und Larissa Behnke (19, daneben) üben sich im Umgang mit Kabeln.Foto:Mengedoht

Marl. Natürlich, sagt Dietmar Krause, Ausbildungsleiter auf Auguste Victoria (AV), stelle sich jeder Betrieb, dessen Schließung beschlossen sei, auch diese Frage: Sollen wir noch ausbilden? „Aber unser Unternehmen hat sich entschieden, weiter soziale Verantwortung zu tragen. Und das ist auch gut so!“

Krause, der seine Laufbahn im Bergbau 1979 als Lehrling auf dem Recklinghäuser Bergwerk Blumenthal begann, sitzt am Schreibtisch seines Büros auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage 1/2 an der Victoriastraße; ihm gegenüber haben Larissa Behnke (19) und Yunus Camlibel (20) Platz genommen. Zwei von insgesamt 95 jungen Menschen, die der 49-Jährige und seine Kollegen die nächsten dreieinhalb Jahre ausbilden werden; die letzten, ehe der untertägige Betrieb auf AV Ende 2015 endgültig eingestellt wird (so hat es die Politik beschlossen).

Spüren die Neuankömmlinge in ihren ersten AV-Tagen schon die Wehmut? Larissa und Yunus gucken verwundert. Nein, bislang, sagen sie nach kurzem Nachdenken, sei vom nahenden AV-Ende „nichts zu bemerken“. Auch wenn sie es beide „persönlich schade“ finden, dass mit dem Aus des Bergwerks in Kürze eine über 100-jährige Ära zu Ende geht (und für Larissa, deren Opa einst auf AV gearbeitet hat und deren Vater hier sogar noch heute beschäftigt ist, auch eine Familientradition).

Die Themen unter den Anfang letzter Woche neu auf AV gestarteten Auszubildenden sind fürs Erste indes andere: „Wir bekommen hier so viele neue Eindrücke, die muss man alle erst mal verarbeiten“, sagt Yunus. Und Larissa verrät: „Wir sprechen miteinander höchstens mal über unsere Hobbys oder darüber, wie das Wochenende war.“

Dem letzten Ausbildungsjahrgang auf AV genau diese Normalität im Besonderen zu bewahren: Das ist auch Ausbildungsleiter Krause ein echtes Anliegen. So wie die früheren Gruppen, so sollen daher auch Larissa, Yunus und die anderen 93 neuen Auszubildenden „als Team zusammenfinden“; u. a. mit Hilfe einer „Kennenlernfahrt“ Ende September nach Grömitz. „Wir wollen den jungen Leuten nicht nur Wissen, sondern auch Solidarität zueinander vermitteln.“

Ab Herbst 2015 Jobbörsen geplant

Überhaupt legen sie auf AV Wert darauf, ihre Auszubildenden „ganzheitlich“ zu schulen; genau diese Qualität auch, betonen Larissa wie Yunus, sei für sie ein wichtiges Argument gewesen, um sich bei der Ruhrkohle AG für das Marler Bergwerk zu bewerben: „Die Ausbildung hier ist hoch angesehen.“ Dass sie sich danach beruflich neu orientieren müssen, dass eine Übernahme ausgeschlossen ist: Weder für die Lünerin, noch für den Marler ist das ein wirkliches Problem. Zumal beide nach ihrer Facharbeiterprüfung zum Elektroniker für Betriebstechnik Anfang 2016 studieren wollen.

Doch nicht alle der 95 jungen Leute – ausgewählt aus rund 500 Bewerbern (!) – planen ihre Zukunft so weit voraus; das weiß auch Dietmar Krause. Zumal, wo er selbst noch nicht genau weiß, was aus ihm werden wird nach seiner Zeit auf AV. Man befinde sich schon jetzt „in Kontakt mit der Agentur für Arbeit“, erklärt Krause. Ab Herbst 2015, wenn auch dieser letzte Ausbildungsjahrgang auf AV seinem Ende entgegen gehe, seien „regelmäßige Jobbörsen geplant“. Und selbst für den Fall, dass jemand seine Facharbeiterprüfung im ersten Anlauf nicht schaffen sollte, hat AV bereits vorgesorgt: Dann, sagt Krause, würden die Kollegen der Bottroper Zeche weiterhelfen; denn auf dem Steinkohlebergwerk Prosper-Haniel werden junge Menschen noch einige Jahre länger ausgebildet.

Erst 2018 ist auch dort: Schicht am Schacht.

Sabine Kruse

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