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Der XL-Markt

05.02.2009 | 11:24 Uhr

Filialen, die Umsatzvorgaben nicht erreichen, sollen zugemacht werden. In Herten sollen im März drei der insgesamt acht Läden die Türen schließen. Für die Belegschaft sieht es schlecht aus: Für die neue Version wurde eigens eine Gesellschaft gegründet

Im Dezember 2007 streikten Schlecker-Mitarbeiterinnen in Recklinghausen für einen Tarifvertrag. Foto: WAZ, Dirk Bauer

Vest. Die Drogeriemarkt-Kette Schlecker plant den Umbau. Alle Filialen, die einen monatlichen Umsatz von 22.000 Euro nicht erreichen, sollen nach und nach geschlossen werden. Zum Teil sollen sie durch neue, so genannte Schlecker XL-Geschäfte ersetzt werden. Das gilt auch fürs Vest, wo nach Informationen der WAZ bereits im März erste Maßnahmen umgesetzt werden sollen. Von Schlecker gab es auf eine Anfrage der Redaktion keine Stellungnahme zum Thema.

In Deutschland zählte das Unternehmen mit Hauptsitz in Ehingen (bei Ulm) im Oktober 2008 ca. 10.000 Filialen mit 37.000 Beschäftigten (in der EU 14.700 Filialen mit 45.000 Mitarbeitern). In den Schlecker-Bezirken 203 (Herten und Recklinghausen) und 204 (Gelsenkirchen, Marl, Haltern am See, Oer-Erkenschwick) sind es 66 Filialen.

Wie die WAZ erfuhr, stehen für 27 dieser Märkte Schließungsüberlegungen im Raum. In Herten sollen bis Ende März drei von acht dicht gemacht werden (Süder Markt, Augustastraße, Kaiserstraße), was den schlechten Umsatzzahlen geschuldet sein soll, aber nicht nur. Den Beschäftigten soll laut der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi betriebsbedingt gekündigt werden. „Der Betriebsrat versucht derzeit auf dem Klageweg in einer Hauptverhandlung einen Interessensausgleich zu erzwingen und die Verhandlungen über einen Sozialplan einzuleiten”, berichtet Andrea Bornemann, Gewerkschaftssekretärin für den Bereich Handel im Bezirk Emscher-Lippe-Nord.

Um wieviele Mitarbeiter es sich handelt, ist kaum zu ermitteln. Betriebsräte, die die Interessen der Belegschaft vertreten und solche Informationen sammeln könnten, gibt es bei Schlecker eher selten. Im Raum Köln etwa, wo das Unternehmen rund 120 Filialen betreibt, findet man derzeit nicht einen einzigen.

Kommentar
Es muss klare Regeln geben

Für einen Marktführer zu arbeiten, muss nicht eitel Glück und Sonnenschein bedeuten. Im Hause Schlecker etwa, der Nummer eins in der deutschen Drogeriebranche, scheint in Sachen Arbeitsbedingungen einiges im Argen zu liegen. Da ist von Lohndumping zu hören, wenn Mitarbeiterinnen für 6,50 Euro die Stunde gegen den Willen der Betriebsräte eingestellt werden. Da sollten Belegschaftsmitglieder im sechsten Berufsjahr eigentlich 12,67 Euro pro Stunde verdienen – was schon nicht die Welt ist –, erhalten aber nur 7,59 Euro.

Was kann man tun? Es gibt Zeitgenossen, die einen Kaufboykott solcher Firmen fordern. Aber wem ist damit geholfen? Nicht den Angestellten, die das schwächste Glied in der Kette sind – und gehen müssen, wenn Zahlen nicht stimmen und Filialen geschlossen werden.

Politik ist gefordert, spätestens wenn man Chefs mit Ethik nicht mehr kommen kann. Es muss in einem Industrieland klar formulierte soziale Regeln geben. Schlupflöcher müssen gestopft werden – nicht zuletzt um Parallelwelten zu verhindern, deren Einrichtung am Ende nur einem Zweck dienen: der Profitmaximierung einzelner.

Die Mitarbeiterinnen des Unternehmens – ca. 90 Prozent der Beschäftigten sind Frauen – würden eingeschüchtert, wenn sie versuchen, für ihre Rechte einzutreten. Rekordverdächtige 52 Abmahnungen in nur einer Woche seien mal verschickt worden, erzählt eine Schlecker-Mitarbeiterin (Name der Redaktion bekannt), die bei den angedachten Filialschließungen keinen roten Faden erkennt. „Es werden Filialen geschlossen, die 40.000 Euro Umsatz im Monat machen. Andere mit weniger als 20.000 bleiben offen.”

Dahinter wird von Verdi der Plan vermutet, das Filialnetz der Drogeriemarkt-Kette nach und nach umzubauen, um gegenüber den beiden großen Mitbewerbern in Deutschland, „dm” und „Rossmann”, auf Dauer wettbewerbsfähiger zu werden. Die Strategie soll sinkenden Ergebnissen geschuldet sein. Verdi recherchierte, dass Schlecker im Jahr 2008 in Deutschland bei einem Umsatz von 5,3 Mrd. Euro ein Minus von drei Prozent verbuchen musste. Die Wachstumszahlen von „dm” (3,37 Mrd. Euro, plus 11,4 %) und „Rossmann” (2,5 Mrd. Euro, plus 10,3 %) bewegten sich im zweistelligen Bereich.

In Herten wird eine Filiale am Süder Markt geschlossen

Die Schlecker-Belegschaft fürchtet einen kompletten Umbau der bisher expansiv ausgerichteten Filialstruktur und damit verbundenes Lohndumping, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Ansätze dafür liefert erneut Verdi. „In Herten wird eine Filiale am Süder Markt Anfang März geschlossen, Ende März soll in direkter Nachbarschaft ein Schlecker XL aufmachen. Größere Räume, größere Sortimente, niedrigere Preise”, so Andrea Bornemann.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar, könnte man meinen. Aber es zeichnet sich parallel erneut ein Schlag gegen die Belegschaft ab. Bornemann dazu: „Für Schlecker XL ist eine neue Gesellschaft gegründet worden. Das heißt, es handelt sich nicht um eine Betriebsfortführung am Standort mit einer Weiterbeschäftigung für die aktuell angestellten Mitarbeiter, sondern um ein neues Geschäft.”

Außerdem habe das Unternehmen die Absicht eine Zeitarbeitsfirma zu installieren. Beim Registergericht Chemnitz ist die Meniar Personalservice GmbH (24579) eingetragen, über die künftig Personalfragen in einem Imperium-internen Dienstweg geregelt werden könnten. Der Hauptsitz von Meniar (steht für: Menschen in Arbeit bringen) soll Zwickau sein.

Gewerkschaftssekretärin Andrea Bornemann. Foto: WAZ, kim

Aus der Perspektive von Verdi-Gewerkschaftssekretärin Andrea Bornemann öffnet die Dorgeriemarkt-Kette Schlecker damit eine Tür, um sich künftig weder an tarifliche Bindungen noch an Mindestlohnsätze halten zu müssen. „Wir rechnen mit Stundenlöhnen im Bereich von 3,50 Euro bis 6,50 Euro und mit einer Abkehr von Dauerbeschäftigungen hin zu reinen Zeitverträgen, um den Druck auf die Belegschaft entsprechend groß gestalten zu können.”

Friedhelm Pothoff

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Kommentare
28.12.2009
16:36
Der XL-Markt
von Harald Peter | #5

Wer dort einkauft akzeptiert doch damit das prekäre Vorgehen der Fa. Schlecker.

17.09.2009
09:00
Blockierter Kommentar.
von Thomas.Lau | #4

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

17.05.2009
20:57
Der XL-Markt
von e.schneider | #3

wie lange dauert es noch bis ihr wach werdet, es werden hier nicht nur die kleinen geschäfte geschlossen, sondern auch große filialen in xl umfunktioniert, da schmeißt man das personal ebenso raus und ersetzt es durch die billigen meniar kräfte! und wieder hat man viel geld gespart, langjährige mitarbeiter mit sozialleistungen los und allea auf einem legalen weg!

08.03.2009
14:02
Der XL-Markt
von mensen | #2

nicht nur bei Schleckermärkten kommt die eigene Zeitarbeitsfirma Meniar in einsatz,sondern auch bei der Schlecker Versandapotheke Vitalsana in Heerlen

05.02.2009
08:37
Der XL-Markt
von H. Porath | #1

Haben die von der Schlecker-Geschäftsleitung schon mal was von Betriebswirtschaft gehört? Seit wann sagt der Umsatz alleine etwas über die Wirtschaftlichkeit aus. Bei einem kleinen Laden ist naturgemäß auch die Miete günstiger und die Lohnkosten sind niedriger. Das erhöht die Umsatzrendite und diese ist viel wichtiger. Was bringt es, wenn ein Laden großen Umsatz macht, trotzdem Verluste einfährt (siehe General Motors)?

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