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Der „uncoole“ Schutz

20.09.2012 | 17:07 Uhr
Der „uncoole“ Schutz
Große Auswahl an Fahrradhelmen gibt’s auch bei Clemens Jepkes in Marl.Foto: Gerhard Schypulla

Vest.   Warum tragen Jugendliche keinen Helm? Die schützende Kopfbedeckung gilt bei vielen Jugendlichen als peinlich, wie ein WAZ-Umfrage unter Schülern zeigt.

Wenn Kinder auf eine weiterführende Schule kommen, fahren viele mit dem Rad. Oftmals bieten Schulen einen „Fahrradführerschein“ an, bei dem den Mädchen und Jungen der sichere Umgang im Straßenverkehr beigebracht wird. Mit dem ersten Fahrrad kaufen die Eltern den Schülern auch einen Helm, der in den ersten Jahren brav getragen wird. Doch dies ändert sich offenbar schlagartig ab der siebten Klasse, oder anders ausgedrückt: mit 14 Jahren. Von diesem Alter an trägt kaum ein Kind noch Helm. Warum?

„Es ist uncool“, sagen einige Schüler der Willy-Brandt-Gesamtschule in Marl. An vielen Schulen fehlen zudem Unterbringungs-Möglichkeiten für die Helme. Für viele Schüler ist das ein Hauptargument. Sie haben ohnehin schon viel Gepäck dabei. Ein Helm wäre nur störend, weil ab der siebten Klasse der Unterricht in verschiedenen Räumen stattfindet.

Aus der Unfallstatistik
Aus der Unfallstatistik

Im vergangenen Jahr verunglückten 550 Fahrradfahrer auf den Straßen des Vestischen Kreises und in Bottrop. Darunter waren 89 Kinder bis 14 Jahren und 39 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren.

80 Prozent aller Stürze vom Fahrrad ohne Helm enden mit einem Hirntrauma.

In Recklinghausen wurden bei Unfällen mit Autos 19 Prozent der Radfahrer schwer verletzt.

„Die Lehrer sehen es zwar nicht gerne, wenn wir ohne Helm fahren, aber Konsequenzen gibt es keine“, sagt Nils Hornig (14) aus Marl. Er fährt, wie alle seine Freunde, ohne Kopfschutz zur Schule. Unter ihnen ist auch der 14-jährige Darius Niemann, der trotz eines Unfalls mit einem Auto keinen Helm trägt. „Beim BMX-Fahren trage ich natürlich Schutzkleidung, aber auf der Straße nicht“, sagt er.

Zwar kontrolliert die Polizei ab und zu die Räder der Schüler auf Verkehrssicherheit, aber mangels Helmpflicht kann man keinen zwingen, einen zu tragen. Auch wenn der Mensch noch minderjährig ist. So wie seine Freunde sieht auch Alexander Boll (14) die Dinge: Eine Warnweste wäre allen zu peinlich – und ein Helm stört. Sie alle haben etwa im selben Alter, mit zwölf Jahren, aufgehört, die schützende Kopfbedeckung zu tragen.

„Unsere Eltern stört das nicht“, behaupten die Drei. Auch bei älteren Schülern, zum Beispiel Niklas Knebel vom Gymnasium Petrinum in Recklinghausen, ist der Helm eher Störfaktor. Der 18-Jährige hat mit 13 aufgehört, die für Kinder obligatorische Kopfbedeckung zu tragen. „Meine Mutter sagte, ich brauche keinen zu tragen, wenn ich nicht will.“ Das Tragen einer Pannenweste kann er sich allerdings vorstellen, da „die Beleuchtung oft untergeht im Straßenverkehr“.

Für jeden Geschmack etwas dabei

Das Manko: Viele Eltern gehen selbst nicht mit gutem Beispiel voran. Hinzu kommt, dass vielen Schülern noch nichts passiert ist. Sie halten sich für sichere Fahrer und berücksichtigen nicht, dass auch Fehler anderer Verkehrsteilnehmer zu Unfällen führen können. „Nach einem Unfall, würde ich mir überlegen, einen Helm zu tragen“, sagt Johanna Wöhrmann. Auch sie besucht das Petrinum. Und sie bestätigt, wo die Ursache der Helmverweigerer liegen könnte: den Gruppenzwang. „Würden mehrere Leute Helm tragen, würde ich das auch tun.“

So wie ihr scheint es allen zu gehen. Irgendwann wird die Kopfbedeckung zur Nebensache und verschwindet aus Gründen der „Coolness“. Dabei gibt es für jeden Geschmack den passenden Schutz, so Fahrradhändler Clemens Jepkes (41) aus Marl. „Die Auswahl ist riesig. Und jeder jeden Alters sollte den passenden Helm finden können.“ Auch er bemerkt den Rückgang der Helmträger in der Altersgruppe der 14- bis 18-Jährigen.

Dabei ist der „Kopfschmuck“ mit etwa 30 bis 40 Euro für jeden erschwinglich. Abgesehen davon, dass Folgeschäden bei einem Unfall vermieden werden können. „Die Polizei sollte mehr Aufklärungsarbeit leisten und bei Kontrollen immer auf die Notwendigkeit eines Helms hinweisen“, meint Clemens Jepkes.

Das macht die Polizei auch mit Informationen im Schulunterricht. Das Tragen von Helmen, so ein Sprecher, spiele eine große Rolle bei den Konzepten. Durch Beratung und Aufklärung soll die Verkehrssicherheit erhöht werden. Leider seien viele Erwachsene kein gutes Vorbild für die Kinder.

Dimitry Lütge

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