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Der Druck nimmt zu

14.06.2008 | 10:45 Uhr

Die bürgerliche Mittelschicht schweigt und schnallt den Gürtel enger, statt zu klagen.

Vest. Mittelschicht: Das klingt wie der dicke Bauch einer Gesellschaft, ist aber eine sehr diffuse Gruppe, die sich nicht allein am Einkommen messen lässt. Werte, Aufstiegswille, Bildungsstreben u.a. zählen. Was genau diese Schicht, die unsere Gesellschaft so sehr stützt, ausmacht, wollen wir in einer heute beginnenden Themenwoche von verschiedensten Seiten beleuchten. An jedem Tag gibt es mindestens einen Beitrag dazu. Vom Statussymbol über die Rolle von Bildung bis hin zur Sicht betroffener Singles und Familien.

Info
Bis 25000 Euro netto

Wie hoch genau das Durchschnittseinkommen des Vest-Bürgers liegt, ist nicht seriös dokumentiert.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DWI) geht bundesweit – basierend auf Zahlen von 2003 – von einem Pro-Kopf-Netto-Einkommen zwischen 11 500 und 25 000 € im Jahr für die Mittelschicht aus.  Das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Düsseldorf arbeitet zum Thema Einkommensstruktur mit Finanzamtsdaten; deren aktuellsten Zahlen sind von 2004. Zu der Zeit gab es 251 942 Steuerpflichtige im Kreis. Von ihnen verdiente die absolute Mehrheit (gut 80 Prozent, insgesamt 211 269) im Jahr weniger als 50 000 € brutto. Zusammen verdienten sie 4,1 Milliarden €. Die gezählte Einheit sind „Steuerpflichtige”; es handelt sich also um Jahresverdienste von Singles und Familien. Ehepaare, bei denen beide verdienen, werden nur als EIN Steuerpflichtiger geführt.  Zwischen 50 000 und 125 000 € zu versteuerndes Jahreseinkommen meldeten 2004 insgesamt 37 356 steuerpflichtige Bürger bzw. Familien im Vest (Gesamtverdienst: 2,6 Milliarden €). sira

Diese Säule der Gesellschaft mit ihren so festen Wertmaßstäben nannten die 68er „Bürgertum”. Und weil das Bürgertum quasi die Privatheit (vor allem der Einkünfte) erfunden hat, pflegt der Mittelschichtler sein Gehalt nicht zu diskutieren. Auch nicht seine Abstiegsängste. Die WAZ bekam das zu spüren bei der Suche nach Menschen, die wagen, darüber öffentlich zu sprechen. Der Sozialpfarrer des Kirchenkreises Recklinghausen, Dr. Hans Hubbertz, hat das ähnlich erlebt. Im Umfeld der Kirche zumindest werde über die Abstiegsängste der Mittelschicht (noch) nicht diskutiert, obwohl sie in den Köpfen sehr wohl existierten. „Zum einen wollen die Menschen nicht ihre Einkommensverhältnisse offenbaren. Zum anderen gibt es eine Scham davor, angesichts der Armut anderer in der Gemeinschaft über solche Sorgen zu klagen”.

Eine offene Diskussion über Benachteiligungen der Mittelschicht bzw. der besser Verdienenden kann sogar gefährlich werden für die Gesellschaft, fürchtet Hubbertz. Denn wenn über Lastenverteilung gesprochen, in Frage gestellt wird, dass zehn Prozent der Steuerzahler 52 Prozent des Steueraufkommens bestreiten, dann könnte das das Ende des Sozialstaates bedeuten: Und der Sozialstaat kann im christlichen Sinne nur richtig sein. Eine wirkliche Umverteilung der Vermögen finde ohnehin nicht statt, so Hubbertz. Besonders groß sei die Angst vor dem schnellen Abstieg bei Facharbeitern in Betrieben, in denen Entlassungen anstehen, glaubt er. Andere Beschäftigte plagten vor allem die Sorge, dass das Einkommen nicht mehr reicht.

Die Mittelschicht ist die tragende Säule der Gesellschaft. Eine ähnliche Funktion schreibt man gemeinhin mittelständischen Unternehmen in Bezug auf die Gesamtwirtschaft zu. Als mittelständische Unternehmen gelten in Deutschland Betriebe mit zehn bis 500 Beschäftigten und 1 bis 50 Mio € Umsatz im Jahr. Im Kreis Recklinghausen trifft das auf zehn Prozent aller Unternehmen zu, die allerdings einen Großteil aller Arbeitsplätze bieten. An die 90 Prozent aller Unternehmen sind Kleinstbetriebe, vom Nagelstudio bis zum Imbiss. Großunternehmen gibt es in der Region demnach gerade mal ein Dutzend.

Gibt es Parallelen zwischen Mittelschicht-Angehörigen und mittelständischen Unternehmern, fragte die WAZ den Leitenden Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen in Gelsenkirchen, Peter Schnepper: „Ja und nein. Die tragende Säule sind Mittelständler zweifellos. Und auch die Bereitschaft, sich ganz einzusetzen, nach vorn zu streben, die Gesellschaft im direkten und mittelbaren Umfeld mit zu gestalten und erhalten, eint Mittelstand und Mittelschicht.”

Ehrenamtliches Engagement pflegten beide, beide seien zudem bereit und in der Lage, auch andere zu motivieren und so zu stärken. Aber Peter Schnepper sieht auch deutliche Unterschiede, nicht nur bei den (schwer messbaren) Einkünften. „Es gibt ein Unternehmer-Gen. Wer das hat, ist nicht nur bereit, Verantwortung zu übernehmen, sondern auch in der Lage, Risiken zu tragen und Entscheidungen zu treffen. Das Unternehmer-Gen bringt große Veränderungsbereitschaft mit sich. Das ist in der Mittelschicht sicher weniger verbreitet.”

Dieter Decker

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Kommentare
14.06.2008
18:44
Der Druck nimmt zu
von Dieter61 | #1

Fangen wir mal an, den Artikel von unten nach
oben aufzuarbeiten;
sozusagen das Pferd von hinten aufzäumen.
Das Gen vom Unternehmer hat in der heutigen
Zeit ein oder mehrere Defekte. Risiko wird vom Markt
getragen, Manager vorgeschoben und der
Eigentümer kassiert. Diese würden es nicht wagen, solche
Entscheidungen unter ihren Namen
zu treffen.
Unlauterer Wettbewerb steht
bei vielen heute im Vordergrund. Viele dieser Personen haben meist nie die Praxis kennen
gelernt, meist sind es Theoretiker. Sie haben für sich risikoreiche Wunschträume umgesetzt,
die betrieblich auf wenig Nährboden standen bzw. stehen,
die aber für die Gesellschaft in Alpträumen enden.
Die Industrie hat in den
Klein- und Mittelbetrieben herumgestochert und sie dann
zerlegt oder fusioniert, Filialen gegründet und als alles ausgeschöpft war, Kräfte zu Franchisepartner
gemacht und ausgesaugt.
Und diese Entscheidungen haben meist kleine und mittlere Betriebe
mit den Facharbeitern in den Ruin geführt.
Mit Fehlleistungen, Fehlstellungen und ausufernden Machenschaften
wie Korruptionen, Bestechungen, Verleumdungen usw. durch eigentlich hoch gelobte
Firmen, die dieses vorangetrieben haben, wurden andere dadurch
aus dem Markt gedrängt. Dieses erkennt auch der Facharbeiter,
Angestellte und Kleinunternehmer, sowie andere Selbständige. Ist der
dann der Dumme, der sich sozial, loyal und gerecht verhält?
Dieses Verhalten fing in den 80 ziger Jahren an und hat sich zum
Bollwerk der Wirtschaft gemacht. Nur ein Umdenken im wirtschaftlichen Handeln
kann die Angst der Mittelschicht beheben.
Auch der EU-Vertrag und wie man mit ihm demokratisch umgeht,
(siehe die Menschen in Irland, die sich wohl mit diesem Werk beschäftigt haben) läßt
Sorgenfalten aufkommen.

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