Demos, aber friedlich
29.04.2009 | 15:40 Uhr 2009-04-29T15:40:00+0200
Fachleute im Vest halten die Gefahr von Ausschreitungen für gering: Landzeitarbeitslose haben resigniert
Vest. Etliche hundert Arbeitnehmer gehen am 1. Mai überall im Vest auf die Straße, um für Jobs und Lohn zu demonstrieren. Ihre Züge und Kundgebungen sind wohlorganisiert und friedlich – und sicherlich nicht die „sozialen Unruhen”, über die seit dem warnenden Satz von Gesine Schwan kontrovers diskutiert werden. Damit sind eher Ausschreitungen gemeint, wie sie vor Monaten Pariser Vorstädte erschütterten, oder Generalstreiks, die immer mal wieder das öffentliche Leben in Italien lahmlegen. Fachleute halten solche Entwicklungen hierzulande jedoch für eher unwahrscheinlich. Jedenfalls in absehbarer Zeit.
Altersarmut durch Mini-Jobs
Die Folgen einer anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise könnten soziale Unruhen sein, hat Gesine Schwan, SPD-Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl, gewarnt. Susanne Neumann, Vorsitzende des Bezirksverbandes der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, hat auf eine andere, langfristige Folge der Wirtschaftsprobleme hingewiesen: Wegen der wachsenden Zahl von Mini-Jobs im Kreis Recklinghausen drohe immer mehr Menschen Altersarmut. In manchen Branchen, etwa bei Gebäudereinigern, seien geringfügige Beschäftigungsverhältnisse bereits an der Tagesordnung. Von 2001 bis 2008 sei die Zahl der in Mini-Jobs Beschäftigten kreisweit von 36 658 auf 41 646 gestiegen (plus 13,6 %).
Doch, es gibt Wut. Auch in den Fluren und Büros der Vestischen Arbeit, die in der Region die Langzeitarbeitslosen betreut. „Übergriffe auf unsere Mitarbeiter beschränken sich aber auf wenige Einzelfälle”, betont Ulrich Kupke, Sprecher der Hartz IV-Behörde. Zwar könne sich aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise die Zahl der heute 70 000 Personen und 35 000 Bedarfsgemeinschaften, die im Vest von Arbeitslosengeld II leben, erhöhen, „aber es gibt klare Regeln und gesetzlich festgelegte Bezugsgrößen, insgesamt eine ordentliche Absicherung, die für die Betroffenen zum Leben ausreicht”, sagt Kupke. Auch Ingo Rensing, der bei der Erwerbslosenhilfe der DKP arbeitet, sieht keine akute Gefahr für öffentliche Randale in großem Stil: „Es passiert Unrecht im Umgang mit Hartz IV”, behauptet er, doch die meisten Betroffenen flüchteten sich in Melancholie oder Depression: „Viele haben genug Stress damit, ihre eigenen Dinge zu regeln. Für Proteste oder gar eine Revolution haben sie gar keine Energie mehr”, analysiert der 41-jährige Recklinghäuser.
Experten, die regelmäßig Kontakt mit Hartz IV-Empfängern haben, sehen dabei eine konkrete Gefahr: „Rechtsextreme Gruppen treten auch im Ruhrgebiet immer öfter als 'Sozialberater' auf, um Hilfesuchende mit vermeintlicher Lebenshilfe und Freizeitangeboten regelrecht abzufischen. Die NPD etwa hat mit solchen Methoden in Ostdeutschland erheblichen Erfolg und versucht es nun auch bei uns”, wissen Karsten Suchanecki von der katholischen Gastkirche und Monika Stern von der evangelischen Dikonie. Auch sie erleben Arbeitslose, aber überwiegend als eher resginiert, kaum als kämpferisch.
An der Ladenkasse, in privaten Runden, am Stammtisch sowieso: Die Menschen stöhnen über hohe Preise und fragen, ob es noch gerecht zugeht in unserer Gesellschaft.
Wo Manager Boni einklagen, während ihre Firmen mit Steuergeld gestützt werden müssen, scheint vielen das Soziale aus dem Lot geraten zu sein. Bei uns im Vest leben 70 000 Bürger von der Stütze, die heute Hartz IV heißt. Jedes vierte Kind wächst unter diesen Bedingungen auf, also hart an der Armutsgrenze. Hunderte von Jugendlichen finden einfach keine Lehrstelle – von verlässlicher Lebensplanung kann für sie schon lange keine Rede mehr sein. Nicht selten hört man die Frage, „wie lange sich die Leute das noch gefallen lassen” oder „wann endlich mal jemand auf den Tisch haut”. Ernst zur Nieden
Ganz ähnlich sieht es Hans-Heinrich Holland, Stadtverbandsvorsitzender der Linkspartei in Herten. Der 61-Jährige hält jedoch die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlichen für einen gesellschaftlichen Sprengsatz: „Wer sich jahrelang vergeblich um einen Ausbildungsplatz bemüht, kann am Ende auf dumme Gedanken kommen.” Vor diesem Hintergrund sei vorbeugende Jugendarbeit um so wichtiger. Holland zollt Hertens Bürgermeister Dr. Uli Paetzel (SPD) Lob für dessen Initiativen gerade auf diesem Gebiet und seine Gedanken zu notwendigen Hartz IV-Reformen.
Dass die Gesellschaft sich mehr um ihre jungen Mitglieder kümmern muss, denkt auch Johannes Habich (65), der langjährige Leiter des Marler Gymnasiums im Loekamp: „Nötig sind intensive Beratungsangebote. Jede Schule bräuchte dringend einen Sozialarbeiter, um den Jugendlichen Wege aufzuzeigen, wie sie auch mit Schwierigkeiten auf dem Weg ins Berufsleben umgehen können.” Die Städte wären gut beraten, mehr Streetworker einzusetzen, um junge Leute mit Problemen buchstäblich auf der Straße zu erreichen – schon bevor sie Autoreifen anzünden und Schaufenster einschlagen.
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