Chef der Gynäkologie von St. Sixtus nimmt Abschied
14.04.2010 | 15:21 Uhr 2010-04-14T15:21:00+0200
Haltern am See. Ein Wachwechsel in aller Stille war es nicht. Dabei wäre das Dr. Georg von der Helm lieber gewesen: keine Aufregung, keine Schlagzeilen um die Nachfolgeregelung, sondern still und selbstverständlich wie vor 23 Jahren, als er als Chefarzt die Nachfolge von Dr. Josef Wennemann antrat.
Dass es nicht so kam, darin mag man sinkende Geburtenzahlen, politische Entscheidungen, die Krise im Gesundheitssystem erkennen. Georg von der Helm, 62 und nun im Ruhestand, verwendet auch jetzt noch viel Mühe darauf, um Vertrauen für die Gynäkologische Abteilung des Sixtus-Krankenhauses zu werben. „Das gesamte Leistungsspektrum bleibt erhalten.“
In seinem ruhigen Naturell blitzt nur kurz Kritik in einer rhetorischen Frage auf: „Was hat es für einen Vorteil, wenn der Chef vor Ort ist?“ Um gleich darauf klar zu stellen: „Wir müssen versuchen, die Entbindungen aus Olfen, Oer-Erkenschwick, Dülmen und Lüdinghausen nach Haltern zu bekommen“
Dass die Geburtenzahlen im Sixtus-Krankenhaus gehalten werden konnten, ist wohl nicht nur der Schließung der Abteilungen in Dülmen und Lüdinghausen zu verdanken, sondern auch seiner profunden Erfahrung. Heute erfüllt es ihn mit Stolz, wenn er sagt: „54 Prozent der Entbindungen kommen aus Haltern, 46 Prozent von außen.“ Im vergangenen Jahr habe das Knappschaftskrankenhaus 50 Entbindungen weniger verzeichnet als Haltern. „Der Ruf der Station war schon zu Wennemanns Zeiten gut, das haben wir gehalten. Wir waren das erste Haus mit Rooming in und das erste, das plastische Brustoperationen anbot.“
Chefarzt Dr. Paul Georg von der Helm wird am heutigen Mittwoch in einer kleinen Feierstunde von „seinem“ Krankenhaus verabschiedet.
Nachfolger wird Dr. Peter Tönnies (46), Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Tönnies leitet aktuell die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am St. Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten und wird nun in Personalunion auch die Leitung der gleichen Abteilung im Halterner St. Sixtus-Hospital übernehmen, aber nicht mehr kontinuierlich vor Ort sein.
Dafür stehen zwei Oberärzte bereit: Dr. Raimund Zipper, der seit 1991 Oberarzt in der Gynäkologie des Sixtus-Krankenhauses ist, und zukünftig auch Frau Doktor Weiß.
In Gründung ist das Gynäkologische Tumorzentrum, zu dem sich zehn Krankenhäuser in Gelsenkirchen, Gladbeck, Dorsten, Marl, Haltern, Westerholt und das Pathologische Institut in Gelsenkirchen zusammengeschlossen haben. Das Zentrum hat zum Ziel, durch eine enge Vernetzung der Krankenhäuser und in Kooperation mit niedergelassenen Ärzten verlässliche Standards für die Behandlung von Krebspatienten zu gewährleisten und auch zu optimieren.
Das Tumorzentrum Emscher-Lippe bildet die Dachorganisation zu den weiteren medizinischen Zentren: Brustzentrum, Darm- und Lungenzentrum, Prostata- und ein Neuroonkologisches Zentrum sind im Aufbau.
Zu seiner Geburtenbilanz mag er nicht viel erzählen: Im Laufe seiner 35 Berufsjahre (einschließlich der Jahre im Franziskus-Hospital Münster, wo er 1981 Oberarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe wurde) hat er aufgehört zu zählen. Damit seine Abteilung nicht nur geräuschlos lief wie der Krankenhausträger es erwartete, sondern auch gut, schob er jede zweite Nacht und jedes zweite Wochenende Rufdienst. Summa summarum 700 Dienst-Wochenenden. Aber wie hält man das durch? „Mit 40 oder 50 Jahren macht einem das nichts, aber ab 60 ist irgendwann der Akku leer.“ Irgendwann hat er, der gebürtige Winterberger, den Winter gehasst. „Wenn man bei Glatteis und unter Zeitdruck raus muss …“
Auch das ist ein Grund, dass die Familie ein Haus in Haltern bezog, das nicht jenseits der Bahnschranken lag und von dem aus er in maximal zehn Minuten in der Klinik war. Der 62-Jährige, der jetzt nolens volens in den Ruhestand tritt, bleibt der großen Schar seiner Patientinnen wohl auch deshalb in Erinnerung, weil er dem öffentlichen Bild des im Dienst am Kranken reich gewordenen Chefarztes so gar nicht entspricht. Der Mediziner ist zwar mehrsprachig (Englisch, Französisch, Russisch und Latein), aber das Gegenteil von einem polyglotten Modearzt. Er liebt Urlaube im Campingmobil in Frankreich, ist trotz digitaler Fototechnik der Schwarz-Weiß-Fotografie treu geblieben, mag Heraldik und das Mittelalter. Und er kocht leidenschaftlich Gerichte aus eigener Kreation. Mit Ehefrau Ingeborg gibt es eine genaue Aufgabenverteilung in der Küche: „Ich schnippele, er kreiert“, lacht die Kripo-Beamtin.
Was er anschafft und sammelt, sind Bücher, meistens fremdsprachige, um seinen Wortschatz aktiv zu halten. Vielleicht komme ihm das noch zugute, ahnt er. Er möchte weiter praktizieren. Nicht, dass er Langeweile habe, im Gegenteil. Aber er denkt sowohl über die Mitarbeit in einer gynäkologischen Praxis in Haltern am See nach, als auch über die Möglichkeit, Wochenenddienste im Ausland zu machen. Und wenn er, wie er sagt, „in einem halben Jahr Sehnsucht nach einem OP-Saal“ hat, könnte es sein, dass er das ein oder andere Wochenende in Großbritannien verbringt.
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