Bürger und Politik sorgen sich
07.02.2012 | 17:35 Uhr 2012-02-07T17:35:00+0100
Marl.Den 8. Dezember 2011 wird Ellen Paternoster so schnell nicht vergessen. Damals wurde ihr kleiner Lebensmittelmarkt an der Barkhausstraße überfallen – schon zum dritten Mal innerhalb eines Jahres. Die 41-jährige Inhaberin des Mini-Markts ist wohl am meisten gebeutelt von einer Entwicklung, die viele Marler zunehmend als Bedrohung empfinden.
Gefühlt hat die Kriminalität, vor allem die Zahl schwerer Straftaten, im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Die WAZ zählt rund 30 Überfälle auf Kioske, Lebensmittelläden/Discounter, Tankstellen, Lotto-Stellen, Wettbüros oder Spielhallen zwischen Januar und Dezember 2011 (siehe Übersicht). Der spektakulärste war der am 14. März auf das Juweliergeschäft an der Victoriastraße. In der Nacht zu Ostersonntag wurden sogar zwei Spielhallen überfallen. Noch nicht eingerechnet sind die Übergriffe vor allem auf der Straße und auf Plätzen.
Nun melden sich kritische Stimmen, denen alles andere als der Hang zur Law-and-order-Politik, zur Beunruhigung der Bürger oder Rechtspopulismus nachgesagt werden kann. So sagte Michael Sandkühler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter Recklinghausen dieser Tage: „Die Anzahl der bewaffneten Raubüberfälle und Wohnungseinbrüche im Kreis nimmt ein nie gesehenes Ausmaß an. Daran können auch die statistischen Aufklärungs-Durchhalteparolen des Polizeipräsidiums nichts mehr ändern.“
Und für die SPD-Fraktion im Marler Stadtrat schreibt Vorsitzender Peter Wenzel in einem Brief an die Polizeipräsidentin Katharina Giere, es lägen ihm zwar keine „kriminalistisch objektiven Erhebungen vor“, aber: „Es scheint sich jedoch ganz offensichtlich aktuell eine kriminelle Energie in, bislang an diesem Ort nicht gekannter Intensität, breit zu machen. Die in der Bevölkerung empfundene und entsprechend kommunizierte Häufung gibt in mehrfacher Hinsicht Anlass zur Sorge.“ Bürgermeister Werner Arndt bat derweil die Polizei bereits um konkrete Fallzahlen. Denn das offizielle Zahlenwerk liegt noch nicht vor. Erst im März wird üblicherweise die Kriminalitätsstatistik veröffentlicht.
2010 wies diese für den gesamten Bereich des Polizeipräsidiums, der den Kreis und die Stadt Bottrop umfasst, insgesamt 616 Raubdelikte aus – 38 weniger als ein Jahr zuvor. In Marl waren es 2010, inklusive Überfällen auf der Straße, 87 Raubdelikte. Noch offen bleibt die Zahl für 2011.
Deutlich macht Polizeisprecher Michael Franz in jedem Fall, dass die Polizei ab Sommer 2011 Auffälligkeiten festgestellt hat: „Ab Juli gab es erste Überfälle auf Lebensmittelmärkte, die letzten haben wir im Dezember gezählt.“ Es sei aufgefallen, dass es gerade rund um den Innenstadt-Bereich immer wieder zu solchen Delikten gekommen sei. „Wir sind dabei, die Sachen intensiv aufzuarbeiten.“ So wird etwa geschaut, ob es Zusammenhänge zwischen einzelnen Taten gibt. Gefährdet scheint jedes Geschäft zu sein, aus dem sich relativ schnell Bargeld erbeuten lässt.
Mehr und mehr scheinen die Marler beunruhigt zu sein. Bei unserer Blitzumfrage auf dem Creiler Platz hatten drei der vier Befragten Bedenken, ob ihre Stadt wirklich sicher ist. Abends bleiben sie im Zweifelsfall jedenfalls lieber zu Hause. Zur Sicherheit.
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