Brandgefährlich
05.03.2009 | 19:15 Uhr 2009-03-05T19:15:00+0100Unter den Trümmern des historischen Instituts liegt auch eine mittelalterliche Abschrift der Recklinghäuser Stadtgründungsurkunde aus dem Jahre 1300
Recklinghausen. Alles Schutt und Asche. Im Boden versunken. Alte Dokumente, Urkunden, Siegel, weg, für immer und ewig. Mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs gingen aber nicht nur unschätzbare historische Kostbarkeiten aus der Domstadt verloren. Auch Recklinghausen ist von dem Unglück betroffen.
Die mittelalterliche Abschrift der Stadtgründungsurkunde aus dem Jahre 1300 nämlich gehörte zum Bestand des Kölner Archivs und liegt jetzt ebenfalls in dem metertiefen Krater aus Trümmern und Papierfetzen, Dreck und Schlamm. Aber Recklinghausens Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes (47) stapelt an dieser Stelle lieber tief: „Das ist ein Verlust für uns, aber der ist eine Winzigkeit im Vergleich zu dem, was sonst in Köln verloren gegangen ist.”
Dr. Matthias Kordes, der bis 2000 selbst vier Jahre lang im Historischen Stadtarchiv Köln gearbeitet hatte („Ohne Unsicherheit, es gab ja noch keine U-Bahn”), ist geschockt über die mächtige Zerstörung durch den Hauseinsturz.
Recklinghausen war in einem dicken, mittelalterlichen Kodex in Köln präsent. Zu einer Zeit, als die Menschen noch nicht auf Papier, sondern auf Pergament schrieben, da übertrugen Kopisten die Recklinghäuser Stadtgründungsurkunde in einen Folianten. Schließlich hatte damals noch der Kölner Erzbischof das Sagen im Land und der ließ sich sozusagen Sicherungskopien von den Urkunden seiner Gemeinden anfertigen. Was heute in Sekundenschnelle kopiert ist, das musste damals fein säuberlich von Hand abgeschrieben werden.
Mit leeren Händen steht Recklinghausen beim Thema Stadtgründungsurkunde nun dennoch nicht da. „Wir besitzen eine doppelseitige Farbfotografie der mittelalterlichen Abschrift.” Und, noch viel, viel wichtiger: „Das Original der Gründungsurkunde aus dem Jahre 1236 schlummert hier gleich neben mit in einem speziellen, feuerfesten Stahlschrank.”
Das Recklinghäuser Stadtarchiv gilt mit seinen rund 6000 mittelalterlichen Urkunden, umfangreichen Beständen an Akten, Karten, Fotos, Zeitungen und anderen Datenträgern zur Geschichte des Vestesals eines der wertvollsten und größten kommunalen Archive Westfalens.
Die älteste aufbewahrte Urkunde ist die Gründungsurkunde des Klosters Flaesheim aus dem Jahre 1166. Über 61 000 Fotos, Dias und Filme dokumentieren die moderne geschichtliche Entwicklung Recklinghausens. Historische Graphiken ergänzen das Fotomaterial.
Fast 57 000 Akten aus dem 15. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart halten das geschichtliche Geschehen in der Stadt und im Vest Recklinghausen fest. In einem eigenen Raum dürfen auch Besucher lesen und stöbern.
Das Ereignis in Köln hat nun bundesweit den Archivaren den Schreck in die Glieder fahren lassen. Dass das Recklinghäuser Stadtarchiv an der Hohenzollernstraße 12 eines Tages ähnlich wie in Köln auch einstürzen könnte, ist sicherlich trotz der Bergbauarbeiten im Bau der Erde eine kaum reelle Gefahr. „Aber nach dem verheerenden Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar 2004 haben wir dafür gesorgt, dass der Brandschutz in unserem Archiv verstärkt und auf den neuesten Stand gebracht wurde”, sagt Dr. Kordes.
Neue Brandmelder, feuerfeste Türen und hitzebeständige Schränke. Das ganze Programm. „Alles andere liegt in Gottes Hand.” Es gebe immer Szenarien, bedauert Kordes, die man nicht planen könne. Es gebe allerdings zurzeit in Recklinghausen keinen Grund zur Panik.
Was es ebenfalls nicht gibt: eine Objektversicherung für Archivmaterial. „Denn der Verkauf davon ist im Archivgesetz nicht vorgesehen.” Zudem hätten alte Akten und Urkunden vor allem einen ideellen, aber keinen bezifferbaren, objektiven Wert wie Kunstobjekte: „Öffentlich-rechtliches Archivgut hat keinen Handels- und Verkehrswert.” Eine Summe zu benennen, ein echtes Problem.
Da hilft nur: gut aufpassen. Denn Köln hat mit seinem Stadtarchiv, so Dr. Kordes, „als älteste deutsche Stadt sein schriftliches Gedächtnis verloren”. Das sei eine der größten Archivkatastrophen überhaupt.
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