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Vor 60 Jahren in Oer-Erkenschwick

An der Schwelle zur Stadtwerdung

30.12.2012 | 14:48 Uhr
An der Schwelle zur Stadtwerdung
Lustig ging’s bei der Silvesterfeier im privaten Kreis zu.

Oer-Erkenschwick. Quietschend biegt die Straßenbahn aus der Stadt (also aus Recklinghausen) kommend von der Horneburger Straße in die Stimbergstraße ein. Links in der Gaststätte schlägt Inhaber Hermann Kausch gerade ein neues Fass Bier an. Es ist Silvester und für den Abend will er schließlich gut vorbereitet sein. Viele Gäste wollen bei ihm in das neue Jahr hineinfeiern und in seinem Saal tanzen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fegt Bauer Wember seinen Hof, nachdem er seine Kühe versorgt hatte. Die Wiesen und Felder erstrecken sich von der Horneburger Straße bis zur Kampstraße und von der Stimbergstraße über die Straße An der Aue hinaus.

An der Haltestelle Westerbachstraße bleibt die Straßenbahn für einen kurzen Moment stehen. Schaffnerin Toni Kilimann steigt aus. Es war ihre letzte Fahrt für 1952. Jetzt geht sie ein paar Meter zurück über die Schultenstraße zu ihrer Wohnung im Hause Tillmann. Josefa Mersch steht im Eingang ihres Fleisch- und Wurstladens.

Die Wohnungsnot ist groß

Es bleibt noch Zeit für ein kurzes Schwätzchen im alten Jahr. „Was erwartest Du denn von 1953?“, will Josefa wissen. „Wir werden doch im neuen Jahr Stadt und da hoffe ich, dass ein paar neue Häuser gebaut werden. Du weißt ja selber, wie groß die Wohnungsnot ist“, entgegnet Toni. „Und die Hannelore bei uns im Haus kriegt ihr drittes Kind. Wird wohl wieder ein Junge werden. Was aus dem dann wohl mal werden wird?“ (Der schreibt gerade diese Zeilen).

Ein uriger Krämerladen

Ecke Schultenstraße/Stimbergstraße „dekoriert“ Anton von Keitz noch seine Schaufenster um. Er hat einen regelrechten Krämerladen, in dem man alles und nichts bekommt. Beim Umgestalten seiner Auslagen nimmt er auch das Kruzifix aus dem Nachttopf. Die Straßenbahn hat inzwischen ihren kurzen Weg durch Erkenschwick fortgesetzt, um dann über die Marktstraße und Ewaldstraße vorbei an der Zeche nach Datteln zu fahren.

Kurz vor Ladenschluss herrscht noch Hochbetrieb, soweit man davon in einer kleinen Gemeinde reden kann. Heinz Frye backt mit einem gusseisernen Eiserkuchen­gerät noch fleißig Neujahrshörnchen nach altem Hausrezept. Er ist nicht nur Inhaber der Bäckerei an der Stimbergstraße, sondern führt auch ein Café. Ein paar Meter vor seinem Laden an der Einmündung zum Hovelfeldweg herrscht in der Gaststätte von Robert Romanski reges Treiben. Für den Abend hat sich die Spielvereinigung angesagt, um in ihrem Vereinslokal den Jahreswechsel zu feiern. Dann wird sich mal wieder alles um Fußball drehen und man wird sich gern daran erinnern, wie man den Schalker Knappen in der Oberliga West eine derbe Packung verpasst hat.

Vieles wird wohl besser

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bedient Metzger Weber die letzten Kunden. Und auch Frisör August Bußmann hat noch zu tun, um ein paar Herren seinen Standardhaarschnitt zu verpassen: drei Finger breit über dem Ohr glatt rasiert, rundherum. Willi Winter, der Bürgermeister, muss bei ihm wohl auch Stammkunde gewesen sein. Auch in den Gesprächen hier geht es um die bevorstehende Stadtwerdung. „Dann sind wir endlich eigenständig und vieles wird für uns besser“, hofft der Kunde.

Der „Figaro“ hingegen zeigt sich zurückhaltend skeptisch. Er denkt wohl auch an Kosten, höhere Gewerbesteuer und überhaupt. Für die Frauen gab’s am Vormittag schon die übliche Wasserwelle. Alle wollen schließlich schick ins Jahr der Stadtgründung gehen. Josef Spieckermann hat seinen Laden für Textilien und Schneidereibedarf bereits geschlossen und ist mit dem Rad nach Rapen gefahren, wo er an der Ewaldstraße sein Zuhause hat.

Becker’s Hof in der Ortsmitte

Einige Meter weiter die Stimberg­straße entlang riecht es – wie auch oben an der Horneburger Straße — nach Landwirtschaft. Der Hof Becker mit seinem Fachwerkhaus, den Stallungen und alten Baumbestand dominiert den Ortskern. Niemand wagt sich vorzustellen, dass wenige Jahre später hier der Berliner Platz entstehen würde. Niemand konnte auch nur im geringsten daran denken, dass der Erkenschwicker Hof Welter an der Marktstraße / Ludwigstraße in unmittelbarer Nähe des Rathauses einmal einem Billigkaufhaus weichen würde und dass auf Beckers Wiese, wo die Gilde Erkenschwick ihre Schützenfeste feierte, eine Stadthalle stehen würde.

Für das neue Jahr 1953 wünschte man sich in Erkenschwick mit der Stadtwerdung nur, dass es wenige Jahre nach Kriegsende mit dem Wiederaufbau rasch weitergehen würde und dass die Zeche Ewald-Fortsetzung noch vielen Menschen viele Jahre Arbeit und ein gutes Auskommen für die Familien der Kumpel geben werde.

Silvesterkracher wollten übrigens nur die Wenigsten zünden. Man hatte von den Luftangriffen die Ohren noch voll.

Norbert Schmitz

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