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UMWELTPRÄMIE UND DIE STAATLICHE ZAHLUNGSMORAL

Abgewrackt

14.07.2009 | 13:50 Uhr
Abgewrackt

Die mit 2500 € gesponserten Neuwagen fahren längst, auf die Prämie warten allerdings noch viele Händler und Kunden

Vest. „Anfang Februar standen die Leute Schlange wie bei der Neueröffnung eines Bäckerladens.” Allerdings spricht Friederike Tanzeglock, Beauftrage der Vestischen Kfz-Innung, nicht von knackig frischen Brötchen, sondern von neuen Autos. Die Umweltprämie der Bundesregierung – als „Abwrackprämie” in die 25. Auflage des Dudens aufgenommen – hat die Leute mobil gemacht. Weg mit der noch gar nicht so alten Möhre, her mit dem neuen Flitzer und dem 2500-Euro-Geschenk aus Berlin obendrauf. Händler und Kunden standen Kopf.

Friederike Tanzeglock wurde nimmermüde, die 270 ihrer Innung angeschlossenen Betriebe zu warnen. „Ich habe von Anfang an davon abgeraten, in die Vorfinanzierung zu gehen”, sagt die Juristin. Und sieht sich heute bestätigt. Zwar seien inzwischen erste Zahlungen erfolgt, „aber es warten immer noch Betriebe auf ihr Geld”. Und das, wie die 42-Jährige sagt, bei nicht geringem Risiko – in Zeiten von Bankenkrise und zögerlicher Bereitschaft, Kreditrahmen zu erweitern. In einem konkreten Fall hätte das, wie sie beschreibt, fast zur Pleite eines Händlers geführt. Der hatte für seine Kunden die 2500 Euro locker vorgeschossen – als seine Hausbank plötzlich den Dispokredit rapide kürzte . . .

Als die Bundesregierung unter dem Eindruck des Kundenansturms die Umweltprämie auf ein Gesamtvolumen von 5 Milliarden erhöht und das online-Reservierungsverfahren eröffnet hatte, mussten die Händler noch eine Schüppe Arbeit drauflegen. Sie seien mit der Lieferung von Kleinwagen kaum noch nachgekommen, so Friederike Tanzeglock. Kleinwagen aus deutschen Landen waren gefragter denn je. Wie viele Leute im Innungsbereich sich ein Neufahrzeug zugelegt haben, kann Tanzeglock nicht sagen. Bundesweit aber habe die Autoindustrie ein sattes Plus von 22 Prozent gemacht. Aus Gesprächen mit Händlern weiß die Expertin, dass die Prämie in jedem Fall einen Effekt hatte: „Viele Leute, die sonst nur gebrauchte Autos fuhren, haben sich zum ersten Mal ein Neufahrzeug zugelegt.” Bundesweit hat das Kfz-Gewerbe 400 000 Neukunden erobert. Nachteil: „Der Gebrauchtwagenmarkt für Fahrzeuge bis fünf Jahre ist tot. So ein Auto kauft sich keiner mehr, wenn es für dasselbe Geld ein neues Auto gibt.” Solbald der Staat etwas schenke, „vergleichen die Leute nicht mehr”.

Die Innungsbeauftragte wertet den Erfolg der 5-Milliarden-Aktion mit deutlicher Zurückhaltung: „Ich bin sehr skeptisch bei Subventionen, die kurzfristig in den Markt eingreifen. Das ist reine Kosmetik.” Und: „Was machen wir jetzt mit dem ganzen Schrott? Entsorgungsbetriebe kommen nicht mehr nach.”

Was hat die Prämie außer dem kurzzeitigen Boom auf Neuwagen gebracht? Und dem Ärger von Händlern und Käufern, die seit Monaten auf ihr Geld warten? Friederike Tanzeglock sagt mit Blick auf die Umwelt: „Ich glaube nicht, dass sich die Aktion positiv auf die Umwelt auswirkt. Wenn man einen Polo mit 140 über die Bahn jagd, verbraucht der genausoviel wie ein BMW.”

Inge Ansahl



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