Hilfe fürs Kölner Stadtarchiv : "Es ist deprimierend"
Köln/Recklinghausen. Der Recklinghäuser Archivar Matthias Kordes macht eine Woche Dienst in der Domstadt, um den Kollegen nach dem Einsturz des Kölner Historischen Stadtarchiv zu helfen. Der Historiker ist über das Ausmaß der Zerstörung entsetzt.
Recklinghausens Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes ist entsetzt über den Schaden. Fotos: Oyindamola Alashe
Foto: WAZ
"Man kann sich gar nicht vorstellen, dass man da noch etwas herausholen kann", entfährt es Dr. Matthias Kordes (47). Der Blick des Recklinghäuser Stadtarchivars fällt auf das völlig zerstörte Archiv in der Kölner Südstadt.
Seit Montag ist Kordes in Köln. Die Domstadt hatte nach dem Einsturz des Archivs einen Hilferuf ins ganze Bundesland abgesetzt. In Absprache mit Bürgermeister Wolfgang Pantförder wurde Kordes nun für eine Woche zum Sonderdienst in Köln abgestellt.
Über allem liegt Betonstaub
Es ist kurz vor zwei. Kordes Füße schmerzen. "Ich freue mich unglaublich auf ein heißes Bad. Seit heute morgen 5 Uhr bin ich auf den Beinen", erzählt er und blickt auf seine Schuhe. Das braune Leder lässt sich unter dem feinen Betonstaub nur erahnen. Die Frühschicht hat er in einer Lagerhalle verbracht, so groß wie ein Fußballfeld. Dorthin kutschieren Lastwagen Ladungen weißer Umzugkartons mit Dokumenten aus dem Stadtarchiv. "Mein wichtigstes Werkzeug ist ein Handfeger", sagt der promovierte Historiker. Damit befreit er Dokumente von Betonstaub. Mit 30 Kollegen und Geschichtsstudenten arbeitet er in dem Lager. Allesamt in weißen Overalls, Chirurgenhandschuhen und Atemschutzgeräten bekleidet.
"Was ich sehe, ist deprimierend." Dokumente wurden verschüttet und zerstört. "Viele Akten sind zerknüllt oder sehen aus, als hätte man sie durch einen Schredder gejagt. Andere Archivalien haben Brand- oder Wasserschäden."
Recklinghäuser kennt die Kölner Bestände
Wie groß der Verlust ist, weiß Matthias Kordes nur zu gut. Vier Jahre hat er selbst mal im Kölner Archiv gearbeitet, er kennt die Bestände. "Damals war ich mit einem speziellen Projekt betraut, durchforstete und archivierte Prozessakten aus dem Wetzlarer Reichskammergericht." Von jenen Akten hatte er in den letzten Tagen keine einzige in Händen. "Das wäre ein Traum, aber utopisch", sagt der Archivar und blickt zurück auf die Unglücksstelle.
"Hier müssen sich schlimme Szenen abgespielt haben"
"Ground Zero" nennen die Kölner diesen Teil der Severinsstraße mittlerweile. Unter aufgebauten Gerüstdach breitet sich ein Areal aus Betonschutt und schwarzer Plane aus. Es tönen Bagger, Staubwolken steigen auf und Mauerreste ragen wie Gerippe empor. Zaungäste haben Kameras und Handys gezückt. "Es hat etwas Surreales", sagt Matthias Kordes mit Blick auf Tonnen von Schutt und Feuerwehrleute, die unablässlich über Trümmer steigen. "Hier müssen sich schlimme Szenen abgespielt haben", sagt der Recklinghäuser. Kordes frühere Kölner Kollegen sind fassungslos. "Einige haben hier Jahrzehnte gearbeitet und nach dem Einsturz einen Nervenzusammenbruch erlitten", sagt der 47-Jährige voller Mitgefühl.
Kaum jemand wagt, angesichts des etwa 30 Meter tiefen Kraters an einen konkreten Zeitplan zu denken. Vielleicht werden die Trümmer im September beseitigt sein, heißt es. Kordes ist sicher: "Die nächste Generation von Kölner Stadtarchivaren wird nur mit der Reparatur von Dokumenten beschäftigt sein. Das wird bestimmt 35 Jahre dauern."












