Und bitte das Atmen nicht vergessen
22.02.2008 | 17:50 Uhr 2008-02-22T17:50:00+0100Unna. Wir wurden herausgefordert: eine Stunde Kompensationsgymnastik mit dem HSV-Kurs. Siegessicher tauchen wir mit unseren Turnbeuteln in der Falkschule auf. Kompensationsgymnastik, was kann das schon sein? Etwas Gymnastik zur Auflockerung, dachten wir.
Die Kursleiterin Jana Lingstädt begrüßt uns mit einem freundlichen Lächeln. Das Wort siegessicher würde es wohl eher treffen. Die Gymnastikmatten liegen schon bereit, 14 Damen und ein Herr warten auf das Kommando der Fitnesstrainerin. Zu fetziger Musik gehts los. Aufwärmtraining auf der Stelle. Schrittwechsel, Armeinsatz. Atmen nicht vergessen.
Nach gerade mal fünf Minuten hat unsere Volontärin Maria bereits eine ausgereifte Hustenattacke. Kurzatmig blicke ich mich hilfesuchend um und erhasche einen mitleidigen Blick vom selbst ernannten Quotenmann. „Das ist immer so anstrengend”, versucht Uli Zöllner uns zu beruhigen. Es hat nicht funktioniert. Immer dann, wenn Jana Lingstädt kurz wegschaut, nutzen wir die Chance. Verschnaufpause. Wir waren übrigens die einzigen, die diesen – zugegeben – alten Trick anwendeten. Entweder brauchen die Teilnehmer keine Pausen oder sind einfach geschickter beim Vertuschen. Nicht drüber nachdenken.
Die Stimmung ist gut, es wird viel gelacht. „Und das ist immer so”, sagt Marlene Pieske. Sie steht seit fast sechs Jahren so ziemlich jeden Donnerstag im Jahr ab 20.30 Uhr in der Sporthalle. „Hier gibt es keine geföhnte Sportkleidung oder goldene Schüchen.” Und darum fühlen sich hier alle auch so wohl. „Jeder kommt so , wie er mag und jeder macht so, wie er kann”, erklärt Rita Rentmeister. „Aber wir motivieren uns gegenseitig zu mehr – und dann schaffen wir das auch.” Auch für uns haben die Teilnehmer immer ein Lächeln parat. Oder ist es ein Auslachen? Unsere Haltungsnoten sind alles andere löblich.
Anders bei Uli Zöllner. Seit fast zwei Jahren besucht er regelmäßig den HSV-Gesundheitskurs „Kompensationsgymnastik”. „So bleibe ich fit”, sagt er, während er seine Bauchmuskeln trainiert. Er ist 63 Jahre alt und macht uns regelrecht „nass”, wie es im Sportjargon heißt. Meine Kollegin ist 22 Jahre alt, ich bin fast 30. Erschöpft liegen wir mit den tonnenschweren Ein-Kilo-Hanteln auf der Matte und halten unsere Bäuche. „Atmen nicht vergessen”– Jana Lingstädt reißt mich raus aus meinem erschöpfungsbedingten Tagtraum. In dem jogge ich untermalt mit der Musik der Rocky-Filme leichtfüßig die Treppen des Kölner Doms hoch.
Zurück in der Realität. „Nur noch einmal”, sagt sie gut gelaunt. Und gerade, als die acht Wiederholungen der Situps mühselig geschafft sind, zählt sie wieder an. „Und nochmal acht Wiederholungen.” Wir haben versprochen, nichts von Folter zu schreiben. Also bleibt nur das zu sagen. Der Muskelkater blieb drei Tage lang.
Es hat aber einen riesigen Spaß gemacht. Und als Schreibtischhengst vergisst man allzu schnell, welche Muskeln es noch so gibt. „Daher der Name Kompensationsgymnastik”, erklärt die 53-jährige und topfitte HSV-Übungsleiterin. Wer mitturnen möchte, ist übrigens immer willkommen.
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