Oregano von der Rollschuhbahn
05.08.2010 | 16:59 Uhr 2010-08-05T16:59:00+0200
Unna.„Neue“ Natur kann übrigens auch richtig Geld sparen. Als die alte B 1 endlich ersetzt und ihre Fahrbahn in Obermassen nicht mehr benötigt wurde, wäre eine Idee gewesen, die Bitumendecke aufzunehmen und zu entsorgen. 150 000 € hätte es mindestens gekostet, die Fläche auf diese Weise zu entsiegeln. Die schließlich gewählte Lösung gab’s praktisch zum Nulltarif – und die abertausend seltenen Blüten sind eine wunderbare Zugabe.
1993 kippten große Lkw die Grundlage für das heutige Biotop aufs Straßenpflaster. 600 Tonnen Kalkmergel hätten anderswo Kippgebühren verursacht und verengten hier die alte breite Bundesstraße zur neuen „Rollschuhbahn“. Die wurde zwar nie so richtig als Sportgelände angenommen, dafür aber von unzähligen seltenen Pflanzen. Selten, weil es eben nicht (mehr) so viele nährstoffarme Böden gibt, die „Königskerze“ & Co für ihren speziellen Lebensplan benötigen.
„Riechen Sie mal“, lädt Rolf Böttger vom Bereich Umwelt der Stadtverwaltung ein. Der Biologe hat ein paar für Laien unscheinbare Blätter zerbröselt, die irgendwie an italienische Küche denken lassen.
Tatsächlich handelt es sich um Oregano – ein Kraut, das sehr typisch für einen solch mageren Boden ist. Wirbeldost, Wiesenkanutie, Labkraut oder Glockenblume sind ähnlich strukturierte Nachbarn. Pflanzen, die früher mal recht zahlreich vorkamen in unserer Region. An Wegrändern rund um den Hellweg, die aber selten geworden sind. Ein Grund mehr, sich über diesen „neuen“ Lebensraum für alte (aber bedrohte) Bekannte zu freuen.
Ganz sicher tun das unzählige Insekten, deren Tisch hier optimal gedeckt ist. Nur einige Beispiele: Am (für Pferde und Rindvieh leider sehr giftigen) Jacobsgreiskraut hängen Raupen einer Schmetterlingsart, die sich eigentlich nur hier wohl fühlen. Der „Schwalbenschwanz“ braucht die Wilde Möhre, „Pippau“ zieht Hummeln und Schwebfliegen an, und die stolze große Libelle (eine blaugraue Mosaikjungfer) fühlt sich hier gewiss auch so wohl, weil sie immer auf dem Weg zu einer nahen Mahlzeit ist.
Duft-Beiträge an der Rollschuhbahn liefert unter anderem die Moschus-Malve, auch eine attraktive, eigentlich hier heimische Pflanze – ebenso wie die jetzt wieder häufiger zu sehende Orchidee „Breitblättriger Ständelwurz“. „Da hat einfach der Lebensraum gefehlt“, erklärt Rolf Böttger. Und wenn er wieder geschaffen wird – und sei es künstlich aufgeschüttet über einer Asphalt-Decke – sprießen die bedrohten Schönheiten wieder, als wäre es ihnen nie schlechter gegangen. Zum Beleg zeigt der Fachmann auf ein lila blühendes Kleinod: „Ein Schmalblättriges Weidenröschen. Der Samen hat wahrscheinlich Jahre lang im Boden geschlummert.“
Dass der Boden des Rollschuhbahn-Biotops einen solchen Artenreichtum erzeugt, liegt auch an der kalkigen Beschaffenheit, die den sauren Regen direkt entschärft. Der stete Wechsel von Sonne und Schatten sorgt zudem dafür, dass sich die Vegetation manchmal nach wenigen Metern völlig ändert. Und damit der etwa 400 Meter lange, aufgeschüttete Streifen so lebendig bleibt wie jetzt, legen Mitarbeiter und ehrenamtliche Partner des Umweltamts hier öfter mal Hand an. Eichen, Hainbuchen, Pappeln und Ahorn wurzeln nämlich auch hier, würden den Lebensraum für die auf nährstoffarme Umgebung festgelegten Pflanzennachbarn aber rasch überwuchern und so zerstören.
Eingriffe müssen also sein, Um einen Reichtum zu bewahren, der eigentlich zu unserer Heimat gehört.
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