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Fernwärme

Jahrelanges Bitten um Hilfe

08.06.2010 | 19:35 Uhr

Königsborn.Jetzt kann die Heizung eigentlich in die Sommerpause gehen. Doch bei den Anwohnern im Königsborner Fernwärme-Quartier Berliner Allee sorgt das Thema Heizung immer noch für erhöhte Temperatur.

Seit Jahren will die kleine Bürgerinitiative um Günther Rodiek eigentlich nur eines: eine faire Heizkostenabrechnung. Mit Fernwärme wird das Quartier beliefert. Das ist bequem und sauber. Keine Wartung der Heizung. Keine Kamine an den Häusern und damit auch keine Kehrgebühren.

Fernwärme muss sogar etwas teurer sein

Das warme Wasser kommt vom Heizkraftwerk.

Dass dieser Luxus seinen Preis hat, war den Häuslebauern klar. Dass sie aber, anders als andere Fernwärme-Kunden, deutlich mehr für ihre Fernwärme bezahlen müssen, das ist inzwischen zum Politikum geworden.

Bis zu 700 Euro mehr im Jahr als andere Fernwärmekunden in der Stadt verlangt der Lieferant Esso-Favorit von Rodiek und seinen Nachbarn. Die großen Wohnhäuser im Quartier Berliner Allee, die ebenfalls mit Fernwärme beliefert werden, haben vermutlich andere Konditionen als die Hausbesitzer. Das kann die Bürgerinitiative aber nur vermuten. Denn Zahlen von den Heizkosten der großen Wohnungsbaugesellschaften bekommt die Initiative nicht. Dafür haben Rodiek und seine Mitstreiter akribisch wie britische Buchhalter ihr Zahlenwerk zusammengetragen.

Fernwärme-Kunden der Stadtwerke Unna in der Gartenvorstadt und der Döbelner Straße müssen nicht so viel bezahlen wie sie. Auch beim Arbeitspreis für eine Kilowattstunde liegen die Königsborner mit fast vier Cent über dem Durchschnitt. Selbst im nordrhein-westfälischen Fernwärme-Preisvergleich schlägt das Favorit-Quartier alle Rekorde. Kostet in NRW die Megawattstunde im Durchschnitt 72,66 Euro, bezahlt Rodiek 138,39 Euro. Das sind mehr als 90 Prozent.

Seit Jahren schon schreibt Rodiek Petitionen – an Politiker, an die Energieriesen und an das Bundeskartellamt. Es gibt sogar Antworten – von der Lokalpolitik etwa. Die will sich kümmern. Vor der Wahl war das. Jetzt hat es lange keine Antwort mehr gegeben. Die Energieriesen wollen sich auch kümmern. Die RWE beliefern nun Esso-Favorit mit Wärme. Um mehr als 300 Euro sank die jüngste Heizkostenrechnung. Die übrigen Gaskunden mussten aber auch weniger bezahlen, so dass der unglaubliche Preisunterschied bleibt. Favorit ist zudem eine Tochter der RWE. Wer glaubt bei solchen Verhältnissen noch an einen freien Wettbewerb? Auch die Stadtwerke betrieben bis vor wenigen Wochen im Quartier ein Blockheizkraftwerk, das jetzt abgeschaltet werden musste. Weil sich sie die Stadtwerke für die Bürger eingesetzt hätten, sagen die Stadtwerke. Deshalb hole sich Favorit die Wärme nun vom Mutterkonzern RWE und lasse die Stadtwerke ausbluten. „Unsere Rechnung ist immer gleich hoch ausgefallen, auch als die Stadtwerke zwischengeschaltet waren”, sagen die Mitglieder der Bürgerinitiative.

Den Grund für die überteuerte Wärme hat die Bürgerinitiative längst ausgemacht: eine alte Preisberechnungsliste aus dem Jahr 1969, an die sich die Anwohner des Quartiers halten müssen. Das Papier gilt zumindest noch bis 2015, dann könnten die Fernwämekunden kündigen – aber nur, wenn sich genügend Kündigungswillige melden. Da die meisten Kunden in den Hoch-und Mehrfamilienhäusern wohnen und sich nicht so genau mit der Materie befasst haben und vermutlich auch andere Preise zahlen müssen, als die Eigenheimbesitzer, bleibt für Rodiek und Co. wohl alles beim Alten.

Energieriesen wollen wieder verhandeln

„Nein, tut es nicht”, sagt Klaus Schultebraucks, Sprecher von RWE. Man habe ja schon gesagt, dass man am Abrechnungsmodus etwas ändern könne, sagt Schultebraucks auf Anfrage unserer Redaktion. Genaue Details, wann endlich auch die Heizkostenberechnung in Königsborn im neuen Jahrtausend angekommen ist, gibt es allerdings noch nicht. Man verhandle. Wenn die Bürgerinitiative für jedes Lippenbekenntnis der vergangenen Jahre ein Jahr Strom kostenlos bekommen würde, hätte auch die nächste Generation nie eine Gasrechnung im Briefkasten.

So gilt in dem Quartier Berliner Allee mit den schmucken Flachdach-Bungalows, mit den soliden Mittelstands-Reihenhäusern und dem tristem Hochhaus-Charme erst einmal wieder das Prinzip Hoffnung. Das Bundeskartellamt soll diesen Monat eine Entscheidung treffen. Es läuft ein Preismissbrauchsverfahren gegen Favorit. „Irgendjemand muss uns doch helfen”, sagt Rodiek fast schon flehend.

Bislang wurde sein Wehklagen allerdings nur gehört, aber nie erhört.

Lars Reckermann

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