Immer öfter Supernanny vom Amt
31.01.2010 | 09:00 Uhr 2010-01-31T09:00:00+0100
Unna. Familie? Wie geht das? Immer mehr Eltern in Unna brauchen professionellen Beistand bei der Kindererziehung.
Allein in den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Eltern, die über das Jugendamt pädagogische Familienhilfe erhalten, um 135 Prozent gestiegen.
„Eltern, die mit ihrer Situation völlig überfordert sind”, weiß Jugendamtsleiter Heinz Dieter Edelkötter. Junge Familien, auch alleinerziehend, teils mit mehreren Kindern. „Denen die Vorbilder und die Vorstellung fehlt, was zum Beispiel ein Kleinkind von sechs Monaten überhaupt braucht, was man zur Versorgung einkaufen muss.” Es gehe schlicht um grundsätzliche Probleme wie die Ordnung der Finanzen, die Organisation des Tagesablaufs „mit regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten und Begleitung der Schularbeiten – ohne dabei laufendem Fernseher.”
Dass diese Fälle keine Ausnahmen, sondern überall in Deutschland Familienalltag sind, belegt aber auch die Glotze selbst. Bieten Aufreger-Formate wie Supernanny oder Frauentausch doch erschreckende Einblicke in Wohn- und Kinderzimmer, die zügellosen Nachwuchs und kapitulierend-heulende Eltern zeigen. Um Ordnung in solches Chaos zu bringen, erhielten in Unna im letzten Jahr 80 Familien quasi die „Supernanny vom Amt” zugewiesen. Sozialpädagogische Familienhilfe heißt das im Fachjargon. Nötig, weil den häufig jungen Eltern selbst familiäre Vorbilder fehlen. Weil sie allein überfordert sind und der stützende Zusammenhalt zwischen den Familiengenerationen (Kinder, Eltern, Großeltern) zunehmend auseinander bricht.
Oberste Priorität sei es bei den Maßnahmen, die Familie zu stärken und zu erhalten, sagt Heinz-Dieter Edelkötter. Eine Inobhutnahme des Kindes durch das Jugendamt sei so nur das äußerste Mittel. Das natürlich umgehend angewandt werde, „wenn Gefahr für Leib und Leben des Kindes besteht”. Etwa, wenn die überforderten, gleichgültigen Eltern lebensgefährliche Putzmittel frei greifbar für das krabbelnde Kleinkind in der verwahrlosten Wohnung herumstehen haben. Dann hat das Amt auch ohne Richterbeschluss die Möglichkeit in das Sorgerecht einzugreifen und die Kinder in Bereitschaftspflegefamilien unterzubringen. „Im letzten Jahr war das 15-mal nötig”, berichtet Thomas Köster. Der Leiter des sozialen Dienstes sieht auch hier eine steigende Tendenz. Ebenso bei den weiteren unterstützenden Maßnahmen des Jugendamtes wie ambulante Hilfen für ältere Kinder (9-14 Jahre) durch Betreuungshelfer. Die stehen als Ansprechpartner zur Verfügung und unternehmen mit ihren Schützlingen etwas, wodurch die angespannte Familiensituation entlastet wird. Oder die Unterbringung jüngerer Kinder (5-8 Jahre) in Tagesgruppen; sie schlafen nur nachts daheim.
Die in allen Bereichen steigenden Fallzahlen sieht Edelkötter auch der zunehmenden Aufmerksamkeit von Lehrern und Kita-Erziehern geschuldet. Durch Änderung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes sind sie stärker in die Meldpflicht genommen. Eine Reaktion auch auf die schrecklichen Todesfälle aufgrund extremer Vernachlässigung, über die bundesweit berichtet wurde.
Auch die Nachbarschaft reagiere seitdem deutlich sensibler. Schaut offenbar nun einmal mehr hin als weg. Es falle auf, wenn Defizite bei den Kindern zu sehen sind, bestärkt Heinz Dieter Edelkötter: „Wenn das Kind im Winter mit Sandalen 'rumläuft. Wenn es nicht ausreichend ernährt ist. Wenn es misshandelt wurde – oder wenn der Fernseher offenbar dass einzige pädagogische Konzept der Eltern ist.”
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