Eine flammende Verteidigungsrede
19.02.2010 | 17:14 Uhr 2010-02-19T17:14:00+0100Unna. Die Passionszeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ist für Christen eine Zeit des Nachdenkens und der Besinnung.
Direkt zu Beginn der traditionellen Fastenzeit lud die evangelische Kirche ein zum Nachdenken über eine zentrale Figur der Passionsgeschichte im Neuen Testament. Judas Ischariot, der Jünger, der Jesus an die Römer ausgeliefert hatte, stand am vergangenen Donnerstag im Mittelpunkt eines Theaterstücks im gottesdienstlichen Rahmen.
Judas selbst tratin Erscheinung
Die Veranstaltung der Offenen Stadtkirche griff zu einem ungewöhnlichen Mittel, um die Besucher zu einer theologischen Diskussion anzuregen: Judas selbst trat in Erscheinung. Über eine Stunde verteidigte sich der angebliche „Erzfeind des gesamten Christentums” vor den Gläubigen. Der Monolog „Ich, ein Jud” stammt aus der Feder des Rhetorikers Walter Jens. Dessen Worte wurden in Zusammenarbeit mit dem Theater Narrenschiff in der Stadtkirche inszeniert. Kirsten Ullrich-Klostermann ist für die Umsetzung verantwortlich, André Decker verkörperte Judas. Bis Ostern wird Deckers Judas noch in sechs weiteren Kirchen im Kreisgebiet das Wort erheben. In seiner Rede beteuert Judas seine Unschuld. Er habe seinen Herrn nicht verraten, sondern, im Gegenteil, in dessen Auftrag gehandelt. „Ich war der einzige Jünger, der ihn wirklich verstand”, ruft Judas von der Kanzel herab. Decker alias Judas spricht mal von der Kanzel, mal aus dem Altarraum. Mal mit Mikrofon, mal ohne. Er läuft durch das Kirchenschiff und redet von verschiedenen Plätzen im Gotteshaus. Die eigentümliche Akustik in der Kirche war eine besondere Herausforderung für die Inszenierung. An den Seiten gingen Deckers Worte im Hall zwischen den Säulen unter, deswegen platzierten die Veranstalter alle Gäste in der Mitte. Für Nachzügler wurden noch zusätzliche Stühle in den Mittelbereich gerückt. Die Zuschauer wurden Zeuge einer flammenden Verteidigungsrede. Judas fordert Respekt für seine Rolle. Anders als im Neuen Testament dargestellt, habe er Satan lediglich gespielt, in der Absicht, das Böse zu entlarven. Er habe aus freien Stücken geholfen, Gottes Plan zu verwirklichen, den er als einziger neben Jesus selbst verstanden hatte. Ohne Judas hätte es kein Kreuz gegeben und ohne Kreuz keine christliche Kirche. Am Ende seiner Rede betrachtet Judas den Antisemitismus in Mittelalter und Neuzeit. Seine Tat musste bis zum Nationalsozialismus herhalten, um Juden als Gottesmörder zu verunglimpfen. Wäre diese Entwicklung ausgeblieben, hätte er Jesus nicht ans Messer geliefert? Fragen bleiben. Nach der Veranstaltung verließen nachdenkliche Menschen die Stadtkirche. Judas in der Inszenierung des Narrenschiffs hat bewegt. Mit stehenden Ovationen beglückwünschen die Zuschauer Decker minutenlang zu seiner Darbietung.„Ich, ein Jud” - weitere Aufführungstermine: Evangelische Kirche Hemmerde - 25. Februar, Pauluskirche Kamen, 4. März, Evangelische Kirche Fröndenberg-Dellwig, 11. März, Paul-Gerhardt-Kirche Königsborn 18. März, Friedenskirche Massen, 25. März,Auferstehungskirche Bergkamen, 1. April.
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