70-Jähriger ist Marathon-Weltmeister
08.02.2008 | 20:20 Uhr 2008-02-08T20:20:02+0100Unna. (mah) Klemens Wittig blickt nach unten: Er sieht auf dem Boden nur seinen eigenen Schatten. Der Konkurrent läuft weit hinter ihm. Die italienische Sonne brennt auf der Haut, aber Wittig läuft weiter. Um den Weltmeistertitel. ...
... Einige Kilometer vor dem Ziel bekommt er Bauchkrämpfe, muss immer wieder im Gebüsch verschwinden. Er rennt weiter. Mit 70 Jahren sprintet Klemens Wittig durch die Ziellinie und wird Senioren-Weltmeister im Marathon. Zehn Minuten Vorsprung hat er dabei vor dem anderen Favoriten. Mit einer Zeit von 3 Stunden, 14 Minuten und 12 Sekunden kam er bei der WM 2007 im italienischen Riccione ins Ziel.
Wie das in seinem Alter möglich ist, erklärte der Dortmunder jetzt im Seniorentreff Fässchen. Wittig hatte eine Menge zu berichten. So mancher Zuhörer konnte kaum glauben, dass Wittig jede Woche etwa 90 Kilometer läuft. "Das ist mein ganz normales Training." Normal war es für ihn auch, mit 69 Jahren eine Radtour rund um die Bundesrepublik zu unternehmen - 4500 Kilometer.
Derartig trainiert wurde Wittig bei den Weltmeisterschaften 2007 nicht nur Sieger im Marathon, sondern auch im Crosslauf über 8 Kilometer und über 5000 Meter im Stadion. "Beim Marathon habe ich 200 Meter vor dem Ziel das Herz in die Hand genommen und den Spurt angezogen", berichtet Wittig. Dass er so fit ist, hat er einem Trend der 70er Jahre zu verdanken: "Mit dem Sport habe ich erst vor 35 Jahren angefangen, als Trimm-Dich aufkam." Vorher rauchte Klemens Wittig 40 Zigaretten am Tag. Heute ist sein Rezept: "Kein Alkohol, keine Zigaretten, viel Obst, Weizen und gute Hausmannskost."
Mit dieser Lebensweise holte der Läufer so einige Titel: Dreifacher Weltmeister, zweifacher Vize-Weltmeister. Viermal hat er einen deutschen Rekord in seiner Altersklasse aufgestellt. Im vergangenen Jahr lief Wittig 33 Rennen, von Aufhören ist keine Rede: "Dieses Jahr werde ich auf jeden Fall durchziehen, es stehen nämlich Europameisterschaften an und Europameister bin ich noch nicht." Abgesehen von Läufen hat Wittig noch eine Radtour geplant: Mit dem Fahrrad möchte der Dortmunder bis nach Lettland.
Dass man schaffen kann, was man sich vornimmt, ist Klemens Wittigs Leitsatz: "Man muss es nur wollen. Dann kommt jeder beim Marathon ins Ziel." Über die Ziellinie lief Wittig schon 22 Mal, alle großen Marathonläufe hat er mitgemacht: Berlin, München, Hawaii, New York und Athen. In Griechenland lief er bei 4 Grad und Dauerregen mit seinem mehr als 30 Jahre jüngeren Schwiegersohn - und lief ihm davon: Wegen gesundheitlicher Probleme gab der Schwiegersohn auf, Wittig gewann das Rennen in den Altersklassen ab 55 Jahren. Mit seiner Gesundheit hat der 70-Jährige nicht zu kämpfen: "Vor der WM war ich beim Gesundheitscheck der Bundeswehr. Da musste ich aufs Laufband. Ärzte und Schwestern haben gesagt: ,Das darf doch nicht wahr sein.' So was hätten sie bei einem Mann in meinem Alter noch nie gesehen."
Bei der Bundeswehr wollte man ein Foto von Klemens Wittig. Das Bild von dem Mann, der auf dem Laufband alle Rekorde für Senioren brach, soll bald über dem Trainingsgerät an der Wand hängen. Bisher konnte sich Wittig nicht entscheiden, welches Bild er ihnen schickt. Auf dem einen Foto steht er auf dem Treppchen nach seinem Marathonsieg bei der WM. Das andere zeigt ihn als Gewinner, wie er nach dem Einlauf ins Ziel auf die Knie fällt und die Arme in Siegerpose nach oben reckt. "Ich muss gestehen", so der Weltmeister, "das war nicht nur Freude, was sich da in meinem verzerrten Gesicht spiegelt. Als ich ankam, hatte ich sofort einen Krampf im Bein."
0mitdiskutieren