Wandern im Sauerland - Wenn Opa und Enkel Natur tanken

Kai Pütter (rechts) und sein Großvater Bernhard Pütter aus Sundern-Stockum.
Kai Pütter (rechts) und sein Großvater Bernhard Pütter aus Sundern-Stockum.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Serv
Was wir bereits wissen
Wandern im Wandel der Zeit: Beim Sauerländischen Gebirgsverein (SGV) in Sundern-Stockum gehen die Generationen ihre Wege. Getrennt und zusammen.

Sundern.. Power-Walker, Hardcore-Trekker und Speed-Hiker auf Outdoor-Tour. Verbunden mit einem Event ist das absolut mega und gehört zum Lifestyle. Bernhard Pütter hebt die Augenbrauen, fährt sich mit der rechten Hand über den Kopf. Seine Sprache ist das nicht: „Wir wandern.“

Heute weniger als früher.

Immer am ersten Mittwoch im Monat ist der 77-Jährige mit der Seniorengruppe der SGV-Ortsabteilung Sundern-Stockum unterwegs. „Wir sind bis zu 20 Personen. Die Tour dauert in der Regel gut zwei Stunden. Wir legen sechs, sieben Kilometer zurück. Am Ende kehren wir ein.“ Zuletzt waren sie im Arnsberger Eichholz. „Das giftige Grün der jungen Buchenblätter ist wunderschön.“

Fällt das nicht unter Spazierengehen? „Nein“, sagt der Rentner bestimmt, „wir gehen schneller, länger und nicht nur sonntags beim Ausflug.“

Stimmt.

Wanderer im Schnitt 47 Jahre alt

Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Deutschen Wanderverbandes: Nach einer Studie bewegen sich Spaziergänger im Schnitt eine Stunde und 22 Minuten, Wanderer zwei Stunden und 45 Minuten. Das Durchschnittsalter der Leute, die sich in ihrer Freizeit zu Fuß auf den Weg machen, auch das haben die Forscher herausgefunden, liegt bei 47 Jahren. Ganz weit vorne liegen Ältere über 55 Jahre.

Eine Frage verblüfft den Senior, der im Berufsleben als Maschinenbaumeister arbeitete. „Warum ich wandere?“, überlegt er laut. „Warum? Weil ich an der frischen Luft bin. In der Natur.“ Nicht mehr und nicht weniger.

Rundwege bei Jugendlichen verpönt

Was sich im Laufe der Jahrzehnte geändert hat? Der Senior ist seit mehr als sechzig Jahren Mitglied im SGV. „Es wird heute beim Wandern viel weniger gesungen, so wie es die Generation vor uns gemacht hat.“ Mit Ehefrau Erna, 71 Jahre alt, genießt er die Unterhaltung in der Wandergesellschaft, erfreut sich der Gemeinschaft. Probleme, das Tempo in der Gruppe zu finden, gibt es nicht. Niemand rast, niemand schleicht. „Wir sind erfahren genug, wir passen uns an.“

Ob sein Enkel Kai Pütter mit ihm quasi vor der Haustür wandert? Der 17-Jährige muss nicht lange nachdenken. „Eher nicht. In Österreich in den Bergen - ja. Aber hier?“

Rundwege aller Art, ganz gleich wo, seien bei Jugendlichen verpönt. Überhaupt, sich ganz gewöhnlich zu Fuß im Kreis fortzubewegen, käme ihm gar nicht in den Sinn. „Auch nicht mit dem Opa. Nein.“

Zu öde, zu langweilig, zu wenig Abenteuer. Der Gymnasiast aus der 11. Klasse, Leistungskurse Mathematik und Erdkunde, hat mit dem traditionellen Wandern wenig am Hut. Er steht nicht alleine da. Seine Altersgenossen teilen diese Ansicht. Fast 47 Prozent der bis zu 16-Jährigen in Deutschland verschwenden keinen Gedanken daran, so der Deutsche Wanderverband. Kai Pütter: „Wenn ich rausgehe, laufe ich lieber eine Stunde.“

Der Schüler ist ein Kind seiner Zeit. Beim Adventure Hike, sei es in der Region oder anderswo, ist er gerne dabei. Was die Jungen von früher, die Alten von heute, als Schnitzeljagd im Wald kennen, ist heute ausgefeilter und anspruchsvoller. „Es treten Gruppen von sechs bis acht Leuten, nur bestückt mit Karte und Kompass, im Wettbewerb gegeneinander an und gehen auf die Suche“, sagt Kai Pütter. „Die Veranstaltung dauert zwei, drei Tage.“ Es wird im Freien geschlafen, und es werden am Tag 20 bis 30 Kilometer zurückgelegt. „Das macht Spaß.“ Natur an sich ist für Kai Pütter „nichts Besonderes“. Wohl wahr. Wer in Stockum aufwächst, der wird mit ihr groß, ganz anders als Stadtmenschen.

Gemeinsam beim Breitensport

Also laufen Opa und Enkel in der Freizeit offenbar aneinander vorbei? Nicht ganz. Die SGV-Ortsabteilung bietet ihren Mitgliedern generationsübergreifend Breitensport an. Hier sind die beiden mit von der Partie. Nicht das einzige, was sie verbindet. Beide machen Musik. Kai Pütter spielt im Jugendblasorchester Stockum das Tenorhorn und ist zweiter Vorsitzender. Sein Opa hat das Orchester gegründet und war von 1965 bis 1990 Dirigent des Musikvereins Stockum. Er spielt viele Instrumente, vom Akkordeon bis zur Trompete. „Ich hab’ beim Wandern genug Luft. Von Kurzatmigkeit kann keine Rede sein.“

Also tritt der Enkel angesichts dieser musikalischen Gemeinsamkeit doch in die Fußstapfen seines Großvaters? Beide lachen bei der Vorstellung, dass sich Kai Pütter in sechzig Jahren wie der Opa unter das Fußvolk mischt. Seine Knickerbocker hat er sich bereits gesichert. Der Opa zieht beim Wandern Jeans und ein kariertes Hemd an. Ob die Hose jemals zum Tragen kommt. Kai Pütter grinst: „Sie liegt bei uns in der Karnevalskiste.“