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Start vom Küchentisch aus

28.07.2010 | 18:13 Uhr

Dortmund.Ein als erfolgreich empfundenes Arbeitsleben ist in der Regel eines genutzter Chancen. Alles Andere wäre ja geschenkt gewesen und zu schenken gab’s nichts 1980, als der Elektrotechniker Winfried Materna zuhause am Küchentisch in Hombruch saß und darüber brütete, ob er seine Hochschulkarriere nicht doch der unternehmerischen Praxis opfern sollte.

Er entschied sich damals, den Elfenbeinturm der Lehre zu verlassen. „Ich wollte nicht mehr tiefer bohren“, erinnert er sich heute, „ich wollte autonomer arbeiten.“ Am Küchentisch sind damals auch die ersten Aufträge abgearbeitet worden, und man ist versucht, die Geschichte Maternas und seines Geschäftsführer-Partners Helmut an de Meulen (der damals am selben Lehrstuhl der Uni Dortmund arbeitete) mit diesen Garagen-Geschichten wie denen von Microsoft-Gründer Bill Gates und Apple-Hero Steven Jobs zu vergleichen.

Materna aber hält es auf dem Informatik-Olymp gut einige Wolken tiefer aus. Dennoch: Die Goldgräberstimmung kennt auch er. „Das waren gute Chancen damals“, sagt er, „wir hatten Selbstvertrauen, und wir waren gut!“

„Wir haben jeden
Auftrag angenommen“

Weil an de Meulen als auch er über kein Vermögen verfügten, bestimmte Pragmatismus die Arbeit. „Wir haben jeden Auftrag angenommen - was zur Informatik gehörte, machten wir.“ Ein Beratungsauftrag von Nixdorf war der erste, es folgte einer von Siemens zum Bau eines Netzwerks. Sie befassten sich mit der Anbindung von Kleinrechnern und später PCs an große Systeme und kamen gut voran.

„Wir haben aber auch Fehler gemacht“, sagt er. Wie Anfang der 90er Jahre, als sie mit einem Softwareprojekt gnadenlos scheiterten. Es ging darum, Servicetechniker mit mobilen Endgeräten auszustatten, über die sie von unterwegs Informationen z.B. über die Rolltreppe, den Fahrstuhl etc. abrufen konnten. „Wir haben unterschätzt, dass das in den großen Serviceunternehmen zu großen organisatorischen Änderungen führen würde. 1000 Techniker mobil zu unterstützen - da war der Markt noch nicht so weit.“

Anderes klappte aus dem Stand. Wie 1992 das Projekt Atlas zur automatisierten Zollabfertigung oder 1997 der Einstieg in die SMS-Aktivitäten im Mobilfunkbereich. „Die Erfolge haben uns die finanzielle Basis gegeben, unsere Fehler wieder zu kompensieren.“ Die Firma wuchs schnell, und es gab die Zeiten, „als an de Meulen und ich nach London geflogen sind, um Mitarbeiter zu suchen“. Der Neubau eines Firmensitzes auf der Stadtkrone-Ost wurde ins Auge gefasst - und verworfen. Das sei keine Niederlage gewesen. „Unser Bauchgefühl war gut, nach dem Platzen der Internetblase hätte uns das in Schwierigkeiten gebracht.“ Sie belebten gewissermaßen das gute Bauchgefühl eines Mittelständlers - und blieben erfolgreich.

„Die Technik ist
das Nervengerüst“

Im Managen großer IT-Systeme sieht Materna auch weiterhin eine wunderbare Geschäftsbasis. Ob Krankenhäuser, Industrien, Verwaltungen: „Die Technik ist das Nervengerüst eines jeden Unternehmens - und Überwachung und Steuerung sind wesentliche Kernkompetenzen von uns.“ Nah am Kunden hat sich auch eine Kommunikationsform wieder verstärkt, die man in der Internationalität des Geschäfts schon verloren glaubte: die Muttersprache. „Die Kunden sagen oft, dass sie sich nicht auf Englisch unterhalten wollen.“ Also zählt verstärkt die Ausbildung eigener Leute, nicht mehr das Locken aus der Ferne.

Letztens hat sich Materna (65) ein i-PAD gekauft. Er ist immer noch technikverliebt, aber im Unternehmen natürlich eher strategisch tätig. Ruhestand gehört noch nicht zu seiner Strategie. „Wir wollen besser werden“, sagt er. Er hätte auch „ich will“ sagen können.

Dirk Berger

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