Sprockhöveler erinnert sich an das Ende des Krieges

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Was wir bereits wissen
Gerhard Niedmann (77) erzählt von seinem Patenonkel Hugo Niedmann, der der erste Bürgermeister Sprockhövels nach dem Kriegsende war.

Sprockhövel..  Die Deutsche Wehrmacht kapitulierte bedingungslos, der Krieg endete. Und trotz des 70 Jahre währenden Friedens will Gerhard Niedmann nicht vergessen. „Gerade heute macht es Sinn, sich zu erinnern und nichts verblassen zu lassen.“

Bei den Worten greift er in seine Tasche und zieht eine alte Zeitung hervor, ein Nazi-Blatt. Es ist der „Illustrierte Beobachter“, die Ausgabe vom 3. Dezember 1936, die es damals für 20 Pfennig gab. Die Seiten sind voll mit Bildern aus dem Konzentrationslager Dachau, mit Abbildungen von „Gefangenen während der Mittagspause“ oder von Menschen, die „als Volksschädling bekannt und im Lager untergebracht“ waren. Niedmann kann über das Geschriebene nur ungläubig den Kopf schütteln. „Die Sprache ist rassistisch, und mir kann man nicht erzählen, dass keiner wusste, was dort hinter den Mauern passierte.“ Doch vorne auf dem Deckblatt der Zeitung steht noch etwas, gekritzelt mit einem roten Stift: „Und wie war es in Wirklichkeit?“ Den Satz notierte Gerhard Niedmanns Patenonkel Hugo Niedmann, geboren am 23. Juni 1886 in Sprockhövel, am 18. Mai 1961 verstorben, Sozialdemokrat, ein offener Gegner der Nationalsozialisten, Bergmann und Betriebsratsvorsitzender der Zeche Alte Haase. Und Bürgermeister. Der erste in Sprockhövel nach Kriegsende, eingesetzt von der Militärverwaltung.

„Er war ein starker Mann“, sagt sein Neffe noch heute über ihn. Und er habe ihm in unzähligen Gesprächen etwas für das Leben mitgegeben. Fast immer war die Politik das Thema. „Wenn du die Politik verstehen willst, dann geht das nur vor dem Hintergrund der Geschichte“, habe Onkel Niedmann seinen Neffen immer wieder ermahnt. Die Predigten des Onkels müssen Früchte getragen haben: Gerhard Niedmann studierte Politik. Doch gab es auch eine andere Seite an seinem Onkel. „Ich habe ihn als Menschen erlebt, der viel Angst hatte.“ Obwohl er immer seine Meinung geäußert habe, sei er stets in Sorge gewesen. „Dass die Nachbarn ihn denunzieren, sogar die eigene Familie.“

Festnahmen wegen staatsfeindlicher Gesinnung

Völlig falsch lag Hugo Niedmann mit seinen Bedenken nicht. Er wurde erstmals am 5. März 1933 festgenommen und in das Gefängnis Bochum gebracht. Bis 1944 folgten drei weitere Festnahmen: wegen staatsfeindlicher Gesinnung, Verleumdung und wegen verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen.

Doch in der Familie blieb die Politik außen vor, obwohl bei den gemeinsamen Feiern gleich drei Extreme unter einem Dach versammelt waren: Nazis, Kommunisten, Sozialdemokraten. „Die Frauen haben daher streng auf die Sitzordnung geachtet“, sagt Gerhard Niedmann. Die politisch Aktiven saßen stets weit auseinander und waren niemals Tischnachbarn. Eins lernte der 77-Jährige, der damals ein Junge von sieben Jahren war, aber sehr früh: „Auch in der Familie durfte nie alles erzählt werden.“ Das Plattdeutsche half da. Das sei eine Art Geheimsprache gewesen. Später, bei Gerhard Niedmanns Konfirmation, habe sich nichts an der Situation geändert. Die Damen des Hauses kümmerten sich noch immer um eine politisch neutrale Sitzordnung. „Obwohl der Krieg schon lange vorbei war.“

Hugo Niedmann ging nach seiner Amtszeit als Bürgermeister wieder zurück in den Bergbau. Doch er blieb stets ein Sozialdemokrat. „Bis zu seinem Tod.“ Heinrich Kemp von der FDP war Niedmanns Nachfolger und blieb bis 1952 im Amt.