Mehr als nur Farbe unter der Haut

Ingo Wirths bei der Arbeit.
Ingo Wirths bei der Arbeit.
Foto: Bastian Haumann / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Zum Tätowieren braucht es Geduld - auf beiden Seiten der Nadel. Unsere Redaktion wirft einen Blick hinter die Kulissen des Studios Titan-X.

Sprockhövel..  Ein Tattoo ist modisch chic oder das genaue Gegenteil, es dient als Erinnerung, hat eine Geschichte oder ist bedeutungslos. Schlicht: Tattoos sind bunt. So bunt wie die Menschen, die auf der anderen Seite der Nadel sitzen und sowohl Künstler als auch Handwerker sind. Frank Wölfl, 40 Jahre alt, gehört zu ihnen. Er ist Piercer, Body Modder, greift auch gerne mal zur Tätowiermaschine. Er betreibt sein Studio „Titan-X“ in Niedersprockhövel. In den letzten Jahren merkte er: Tattoos sind gesellschaftsfähig. „Die älteste Kundin war Baujahr 1931“, sagt er. Sie ließ sich ihre Ohrlöcher neu stechen, nichts Außergewöhnliches. „Das kann jeder Juwelier, aber sie kam in ein Tattoo-Studio und das zeigt uns: Die Akzeptanz ist da“, ergänzt Norbert Passgang (55), der zu Wölfls Team gehört und genau das Gegenteil vom Tätowieren macht.

Er ist der Tattoo-Killer, bearbeitet Jugendsünden mit dem Laser, bringt sie zum Verblassen und schließlich zum Verschwinden. Wie lange die Behandlung dauert und ob sie überhaupt von Erfolg gekrönt ist, hängt dabei von den unterschiedlichsten Faktoren ab. „Es kommt auf die Hautbeschaffenheit an oder darauf, welche Farbe verwendet wurde.“ Wer zum ersten Mal in ein Tattoo-Studio kommt, mag vielleicht überrascht sein, dass es eher an eine – durchaus stimmungsvoll eingerichtete – Zahnarztpraxis als an alles andere erinnert. Es riecht nach Desinfektionsmittel, es gibt Liegen und Behandlungsstühle.

Hygiene, Ordnung und Sauberkeit spielen eine große Rolle, das Team besucht regelmäßig Fortbildungen. Frank Wölfl kennt jeden Millimeter vom Ohr mit Namen, Passgang klingt kaum wie ein Tätowierer, eher wie ein Dermatologe. In einem der Stühle sitzt Andreas Gerdes (44), mit ausgestrecktem Arm. Tätowierer Ingo Wirths (30) setzt dort mit der Maschine die letzten Highlights an Schädel und Whiskyflasche.

„Whiskey ist halt mein Getränk“, sagt Gerdes lachend, als er vor dem Laden genüsslich an seiner Zigarette zieht. Jetzt ist alles überstanden. „Es fühlte sich an, als würde man sich über einen Sonnenbrand kratzen.“ Ingo Wirths, der ein eigenes Studio hat, aber auch in Sprockhövel bei Tattoo-X regelmäßig tätowiert, hat sogar einen Azubi. Nun ist Tätowierer kein Ausbildungsberuf. Wirths ist für Azubi Markus Kreuzer (34) eher ein Mentor. Bis Kreuzer das erste Mal am Kunden arbeitet, wird es noch etwas dauern. „Bevor man tätowiert, hat man mindestens 25 Bleistifte verbraucht“, sagt Passgang . Denn die Karriere beginnt am Schreibtisch mit unzähligen Skizzen.