Krankenkasse erklärt Sprockhöveler (69) irrtümlich für tot

Hans-Werner  Geiser  mit Ehefrau Traudel  aus Sprockhövel-Haßlinghausen. Der 69-jährige Rentner ist von der AOK Nordwest irrtümlich für tot erklärt worden.
Hans-Werner Geiser mit Ehefrau Traudel aus Sprockhövel-Haßlinghausen. Der 69-jährige Rentner ist von der AOK Nordwest irrtümlich für tot erklärt worden.
Foto: MATTHIAS GRABEN
Was wir bereits wissen
  • Krankenkasse erklärt 69-jährigen aus Sprockhövel aus Versehen für tot
  • Rentenzahlung gestoppt
  • Opfer freut sich auf sein zweites Leben

Sprockhövel.. Er ist sofort am Telefon. Von wegen kein Anschluss unter dieser Nummer. Nicht im Himmel, nicht in der Hölle. „Nein, in Haßlinghausen“, sagt Hans-Werner Geiser. „Hier besser bekannt als ‘Don Hennes’.“

Freude über zweites Leben

Für einen Toten ist der 69-Jährige gesprächig. Vor Freude über sein zweites Leben sprudelt es nur so aus ihm heraus: „Fragen Sie nicht. Ich erzähle Ihnen die Geschichte von Anfang an.“

Zum Mitlesen.

Tragischer Irrtum Am vergangenen Mittwoch flattert die Nachricht ins Haus. Absender ist die Stadt Sprockhövel. Ehefrau Traudel fischt den Brief aus dem Kasten. Sie öffnet den Umschlag und wirft einen Blick auf das Schreiben. Ihr fehlen die Worte. Sie reicht das Papier weiter: „Das liest du besser selbst.“

Das Paar schaut sich fassungslos an. Er ist tot, sie lebt. Und das Sozialamt bittet die 66-jährige, die Sterbeurkunde des Ehemannes zu schicken, um die weiteren Formalitäten nach seinem Ableben zu erledigen. Ihr Mann sei schließlich am 10. Januar gestorben.

Ein Tod bei lebendigem Leib mit Konsequenzen. Der Kontostand ist im Keller. Warum? Die Zahlung der Rente, plus Aufstockung, eingestellt. „Ich bekomme sonst 1298 Euro im Monat.“ Und jetzt? Wut meldet sich. Sein unfreiwilliger Tod lässt den Rentner nicht ruhen. Er ruft beim WDR in Dortmund an. Die Geschichte über den Totgesagten, der länger lebt, nimmt ihren Lauf. Die Spur des Kreuzes führt zur AOK Nordwest in Dortmund.

Fehler bei der AOK Nordwest

Ein falscher Klick, ein Versehen - und das Leben des gebürtigen Esseners nimmt dort in der Verwaltung ein jähes Ende. Elektronisch gesehen. Und die Bürokratie geht ihren Gang, informiert die zuständigen Stellen. Das Sozialamt der Stadt Sprockhövel stoppt die Zahlung der Aufstockung und bittet die vermeintliche Witwe um die Sterbeurkunde.

Behördenfehler „Das ist üblich, um nach dem Tod die Formalitäten für die Pflege- und Krankenversicherung, die wir übernehmen, abzuschließen“, sagt Uwe Kellner, Sprecher der Stadt. Er ist 58 Jahre alt. Gesund und munter. Der falsche Todesfall, der Sprockhövel in diesen Tagen im Ennepe-Ruhr-Kreis und darüber hinaus ins Gespräch gebracht hat, betrübt ihn. „Wir sind eben der Überbringer der schlechten und falschen Nachricht gewesen.“

Der zuständige Mitarbeiter sei aus allen Wolken gefallen, als er von der Panne der Krankenkasse erfahren habe. „Er hat daran zu knabbern.“ Nicht nur er. Hans-Werner Geiser auch. Wer über Nacht – ohne es zu wissen – stirbt, dessen trauriges Schicksal mehr als sieben Wochen vor sich hin dümpelt, der hat sein Päckchen zu tragen. Der Senior trägt es mit Fassung am lebendigen Leib. Der Ärger, kurzzeitig ohne Rente zu leben, ist verflogen. Und die Krankenkasse: Sie kriecht demütig zu Kreuze.

Gericht „Den Todestag haben wir gestern Vormittag umgehend storniert“, versichert Jens Kuschel on der AOK Nordwest, „und alle relevanten Leistungsträger über unser Versehen informiert.“ Die AOK Nordwest habe sich selbstverständlich bei dem Versicherten sofort telefonisch und in einem persönlichen Gespräch entschuldigt. Mit einem Blumenstrauß und einer Blitzüberweisung über 1500 Euro. Kuschel: „Wir werden alles Erdenkliche dafür tun, dass sich ein solches Versehen nicht wiederholen wird.“

Das Opfer unterdessen genießt mit größerem Abstand zum eigenen Tod das Gefühl der wundersamen Auferstehung. „Mein zweites Leben feiern wir mit Freunden“, versichert Geiser. „Wer bekommt schon eine solche Chance?“ Dass er sein Leben radikal ändert, ist vorerst ungewiss. „Ich muss wie immer mit unserem Hund Peggy Gassi gehen.“ Vorträge über das Leben nach dem Tod verbieten sich aus seiner Sicht.

Wenn aus „Don Hennes“ der „Don Lazarus“ wird

Viel lieber erzählt er Episoden aus seiner Zeit als wichtige Figur im Kantinengeschäft in Essen. „Mit dem Porsche von Anneliese von Bohlen und Halbach habe ich Delikatessen transportiert. Das waren noch Zeiten.“ Erinnerungen, die verblassen, wenn aus „Don Hennes“ im Haßlinghausen „Don Lazarus“ wird. Noch ist es ein Gerücht.